42. Arbeitskreis vom 28. November 2013


26. Dezember 2013 AK Schule 0 Kommentare

Bericht über den 42. Arbeitskreis vom 28. November 2013
50 Jahre deutsch-französische Goldhochzeit — davor von Liebe keine Spur

Referent: Otto-Michael Blume

Bericht: Ingeborg Christ

Die „Goldhochzeit“ der deutsch-französischen Beziehungen, die wir in diesem Jahr feiern, zeugt von einer dauerhaften Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern. Aber sie gibt auch Anlass zur Erinnerung an das „Davor“ jahrhundertelanger Feindschaft. Das Jahr 2014 wird mit der Erinnerung an den Ausbruch des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren insbesondere die schlimmen Zeiten vor Augen führen. Immer wieder stehen die Französischlehrkräfte vor der Frage, wieweit sie diesen belastenden deutsch-französischen Erinnerungen in ihrem Unterricht Raum geben sollen. Im Zusammenhang von bewegenden Spielfilmen zur deutschen Besatzung in Frankreich zwischen 1940 und 44 gab die Veranstaltung mit Herrn Otto-Michael Blume Gelegenheit, auch auf solche Fragen Antworten zu finden.

Didaktische Begründung des Themas:
Occupation / Résistance – ihre Präsenz im kollektiven Gedächtnis
Deutsch-französische Jubiläen, Erinnerungstage und Berichte in den Medien, so gab der Referent zu bedenken, zeigen, dass die positiven wie auch die negativen Erfahrungen der deutsch-französischen Beziehungen im kollektiven Gedächtnis im Nachbarland lebendig sind. Bestätigt werde dieser Befund durch neue französische Filme, Romane und Sachbücher, die die deutsche Besatzung und den Widerstand dagegen zum Thema haben. Allerdings werde die Besatzung nicht in schwarz-weißer Feindseligkeit, sondern in ihrer Vielschichtigkeit dargestellt, und ebenso wenig werde der französische Widerstand glorifiziert, sondern in seinen problematischen Aspekten und als Dilemma gezeigt. Für den Referenten ergibt sich die Folgerung, unsere Schülerinnen und Schüler, die nach Frankreich reisen und am Alltag der Familien teilhaben, auf die Präsenz kollektiver Erinnerungen vorzubereiten.

Politischer Widerstand – ein Thema von allgemeiner ethisch-moralischer Bedeutung
Krieg, Extrem- und Entscheidungssituationen und die Verantwortung des Einzelnen sind Erfahrungen, die auch heute von Bedeutung sind und denen sich Menschen immer wieder ausgesetzt sehen. Das Thema, so folgert der Referent, enthält daher auch Aspekte von allgemeiner, die Zeiten überdauernder ethisch-moralischer Bedeutung.

Die didaktische Bedeutung des Spielfilms für das Thema
Möglichkeit der Identifikation
Der Referent machte deutlich, dass gerade der Spielfilm eine geeignete Möglichkeit bietet, sich dem Thema der komplexen deutsch-französischen Beziehungen zu nähern, ohne dass Gefahr bestehe, den Französischunterricht zum Geschichtsunterricht umzufunktionieren. Spielfilme bieten die Möglichkeit der Identifikation, insbesondere da in mehreren der gezeigten Filmausschnitte gerade auch junge Menschen sich vor Entscheidungen gestellt sehen und Geschichte als Opfer oder als Täter erleben müssen.

Fremdkulturelles Hintergrundwissen
Dadurch, dass sie die Figuren in ihrem historischen Alltag zeigen, vermitteln Spielfilme fremdkulturelle Hintergrundinformationen, die über schriftliche Texte nur mühsam zu verdeutlichen wären. So wird das alltägliche Nebeneinander von Besatzern und Franzosen konkret erfahrbar ebenso wie das Leben im Widerstand.

Empathie und Problembewusstsein — ein Beitrag zur moralisch-ethischen Bildung
Erfahrungen und imaginäres Probehandeln anhand von Filmen können das Verstehen unterschiedlicher Motivationen und Handlungsweisen einzelner Individuen erleichtern (Empathie) und ein differenziertes Problembewusstsein für Haltungen und Entscheidungen wecken. In diesen Wirkungen sieht der Referent einen Beitrag zur ethisch-moralischen Bildung, der den Erwerb von funktionalen Lese-, Hörseh- und interkulturellen Kompetenzen weit übersteigt.

Die präsentierten Filme und Materialien
„L’Armée du Crime“ (Robert Guédiguian 2009)

Die Filmhandlung, so führte der Referent aus, gibt Einblicke in Ideale, Gefühle und Handeln einer realen Gruppe meist junger ausländischer Widerstandskämpfer, die schließlich alle hingerichtet wurden. Sie waren als Verfolgte nach Frankreich, in das Land der Freiheit und der Menschenrechte, geflohen und wollen dies nun von den neuen Besatzern und Kollaborateuren befreien helfen. Der Titel des Films „Armée du crime“ enthält eine Ambiguität: Ist die „armée de la Résistance“ gemeint oder die „armée de la Wehrmacht“? Von der Besatzungsmacht geht Gewalt aus, die als „Verbrechen“ erlebt wird, aber auch die Widerstandskämpfer organisieren sich zunehmend in einer straff organisierten Untergrundarmee, die vor Gewalt, Sabotageakten und Attentaten nicht zurückschreckt und daher von der deutschen Propaganda als „armée du crime“ bezeichnet wird. Der Film thematisiert das Gewissensproblem der Legitimierung von Gewalt zum Erreichen politischer Ziele in dramatischen Szenen, in denen es unter anderem darum geht, ob der Tod Unschuldiger, zufällig Beteiligter in Kauf zu nehmen ist.

Die Personen des Films, so erläuterte der Referent, verkörpern unterschiedliche Verhaltensweisen und Motivationen des Widerstandes, die Anlass geben zu Identifikation, Diskussion, Ablehnung: vom Schweigen bis zu Anschlägen und Attentaten; vom Ideal der Wiederherstellung eines lebenswerten Lebens bis zu Rache und Terror; vom Versuch der individuellen Bewahrung moralischer Prinzipien bis zu Anpassung, Resignation, Schuldigwerden durch passive Hinnahme der Gegebenheiten.

♦ „L’Affiche rouge
In einem rotfarbigen Propagandaplakat aus der Feder der Besatzung und Kollaboration, wird die in dem genannten Film präsentierte Widerstandszelle als „armée du crime contre la France“ verunglimpft und die Hinrichtung dieser „étrangers“ als Akt der „Befreiung“ von diesen verbrecherischen Frankreichgegnern („Anti-France“) gerechtfertigt. Der Dichter Louis Aragon nimmt in seinem Gedicht „L’Affiche rouge“ auf dieses Plakat Bezug. Er gedenkt der Hingerichteten, Ausländer und gleichwohl Brüder („étrangers et nos frères pourtant“), die für Frankreich gestorben sind, und setzt ihnen ein poetisches „Heldendenkmal“, wie Herr Blume das Gedicht wertete.

♦ „Les Justes“ (Albert Camus 1949)
Die Fragen, die sich im Zusammenhang der Filme und Texte stellen, verweisen auf größere ethisch-moralische Zusammenhänge. In dem Theaterstück „Les Justes“, so führte der Referent aus, habe der Autor Albert Camus bereits die überzeitliche Bedeutung dieser Dilemmata zum Ausdruck gebracht: Nachdem der mit einem politischen Mord beauftragte Attentäter die Tat nicht zu vollbringen vermochte, da sie zwei unschuldige Kinder mit in den Tod gerissen hätte, entspinnt sich in der Widerstandsgruppe eine heftige Debatte über Moral, Gerechtigkeit und Terror im Widerstand (s. insbesondere 2. Akt von „Les Justes“).

♦ „La mer à l’aube“ (Volker Schlöndorff 2011)
Dieser Film ruft die historisch verbürgte Geiselhaft und Erschießung von 50 französischen Bürgern als Strafe für die Ermordung eines durch drei Widerstandskämpfer getöteten deutschen Offiziers in Erinnerung. Zwei ergreifende Szenenfolgen wurden präsentiert: Alle zur Hinrichtung vorgesehenen Geiseln sind nachweisbar unschuldig, eine von ihnen ist ein junger Mann von erst 17 Jahren. Er und zwei andere würden „begnadigt“ unter der Bedingung, dass ihr Fürsprecher drei andere Namen an ihrer Stelle aufschriebe. Dieser lehnt ab, die drei werden zusammen mit den anderen Geiseln erschossen. Im Zentrum der zweiten Szenenfolge stehen ihre berührenden Abschiedsbriefe, vor der Hinrichtung, an ihre Familien, u.a. der Brief von Guy Moquet, der jüngst an allen französischen Schulen auf dem Lehrprogramm stand.

♦ „Diplomatie“ (Cyril Gély, 2013)
Dieses Theaterstück, das in Kürze als Film vorliegen wird, hat den Befehl des Führers Adolf Hitler zur Zerstörung von Paris zum Inhalt. Die Auseinandersetzung zwischen dem beauftragten General Choltitz und dem norwegischen Botschafter Nordling, der den General von der Zerstörung abhalten will, betrifft existentielle Fragen wie die Eigenverantwortung gegenüber einem Befehl, die Bewahrung von Menschlichkeit im Krieg sowie die Wirkung der Androhung von „Sippenhaft“ für Ehefrau und Kinder auf denjenigen, der sich einem unmenschlichen Befehl zu entziehen sucht.

Kompetenzbereich „Umgang mit Medien und Texten“
Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen erschütternde Entscheidungssituationen und Dilemmata. Dieser inhaltliche Schwerpunkt, den er Referent mit vorzüglich Film- und Textauszügen gesetzt hatte, kam den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sehr entgegen, da die präsentierten Filme und auch viele Einzelheiten der Hintergründe in Deutschland weniger bekannt sind. Darüber hinaus stellte Herr Blume ein umfangreiches fachdidaktisches Dossier zur Verfügung. Außer einer Fülle weiterführender Hinweise zu Bibliografie, Filmografie und zu Internetseiten (Webliografie) zum Thema enthält es einen detaillierten Ablauf der Präsentationen, Analysen und Diskussionen im Unterricht, verbunden mit Impulsen zur Förderung des Hör-Seh-Verstehens, für Unterrichtsgespräche und für kooperatives und selbstständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler. Durch ausgewogene Anregungen zu individueller, Partner-, Gruppen- und Plenumsarbeit strebt Herr Blume zunehmende Selbstständigkeit der Lernenden bei der Rezeption, der Analyse und der Wertung von Filmen an, unter Beachtung filmischer Gestaltungsmittel und auch musikalischer Elemente.

Fazit
Die Veranstaltung war für die ca. 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerst inhaltsreich und ergreifend. Viele Informationen und vor allem die aktuellen Filme waren für die meisten neu, und sie machen uns als Deutsche in besonderer Weise betroffen. Das Dossier, das Herr Blume als Tischvorlage zusammengestellt hatte, enthält eine Fülle von Anregungen zur Gestaltung eines gleichzeitig bewegenden und kompetenzfördernden Französischunterrichts. Persönlich bereichert durch Erkenntnisse und bestens ausgestattet für ihren Unterricht konnten die Lehrkräfte den Heimweg antreten, nicht ohne dass zuvor Herrn Blume mit herzlichem Beifall für seinen ausgezeichneten Beitrag gedankt wurde. Die bedrückenden Situationen in den Filmen und Texten gaben Anlass, sich erneut daran zu erinnern, wie dankbar die Nachkriegsgenerationen für die deutsch-französische Versöhnung sein dürfen, deren Jubiläum wir in diesem Jahr feiern.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass auch der schöne Rahmen der Cubus-Kunsthalle, den die Leiterin Frau Dr. Schäfer für den Arbeitskreis zur Verfügung gestellt hatte, zum Erfolg der Veranstaltung beitrug, sowie und insbesondere auch die Tatsache, dass der Vorstand der Deutsch-Französischen Gesellschaft die Gelegenheit bot, einen vor dieser Veranstaltung neu erworbenen Beamer erstmals einzusetzen. Hierfür sei von Seiten des Arbeitskreises dem Vorstand, vertreten durch Herrn Klaus Jankus, sehr herzlich gedankt.

 

 


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