Sonder-Newsletter 

Tour de France 1

 

von Werner Schleser

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Nach dem Grand Départ in Düsseldorf am 1. Juli 2017 führt die zweite Etappe der Tour de France nach Lüttich in Belgien. Am 3. Juli erreicht das Peloton mit dem Ankunftsort Longwy erstmals französischen Boden. Damit starten wir unsere touristische Begleitung der Tour de France 2017. Anschließend folgen Vittel und La Planche des Belles Filles (4./5. Etappe)

Tour-Verlauf und geografische Lage der Orte zeigt die offizielle Streckenkarte unter nachstehendem Link: http://www.letour.fr/le-tour/2017/de/allgemeine-strecke.html

- Longwy

- Vitell

- La Planche des Belles Filles

- Lothringer Küche

Der nächste Sonder-Newsletter mit den Etappenorten Troyes, Dole und Chambéry erscheint am 08. Juli 2017.

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Arbeitersiedlung in Longwy

Longwy 

Longwy liegt im Dreiländereck Frankreich – Belgien – Luxemburg. Bis in die 1970er Jahre war Longwy das führende Zentrum der Stahlindustrie in Nord-Lothringen. Die Einführung des Thomas-Verfahren ermöglichte die großtechnische Stahlherstellung auf Basis der Minette, dem phosphorhaltigen Erz Lothringens. Ab den 1880er Jahren schossen die Hochöfen im Becken von Longwy wie Pilze aus dem Boden. Die Thomas-Konverter erleuchteten Longwy-Bas, die Unterstadt am Flüsschen La Chiers, in regelmäßigen Abständen. Die europaweiten Stahlkrise seit dem Jahr 1975 läutete abrupt das Ende des Stahlzeitalters ein. Versuche, durch Modernisierung und Rationalisierung  wenigstens einen Teil der Werke zu erhalten, scheiterten. Rund 20.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Die Einwohnerzahl von Longwy sank binnen weniger Jahre auf 14.300.

Zeitzeugen der industriellen Vergangenheit

Wer sich auf Spurensuche des Stahlzeitalters in Longwy macht, stößt in der Unterstadt auf Straßen mit traditionellen Arbeiterhäusern und natürlich die großen Industrie-Brachen. 58 Hektar der riesigen Brache des ehemaligen Hüttenwerks Senelle (128 ha!) wurden nach jahrelangen kontroversen Auseinandersetzungen in einen Golfplatz umgewandelt. Kühltürme aus Stahlbeton am Rande der Sportanlage und ein liegender Hochofenrest mitten im Grün erinnern an das frühere Hüttenwerk, ebenso wie der Namen des Golfplatz-Restaurants „Restaurant Les Haut Fourneaux“ (Restaurant Die Hochöfen).

Schwieriger Neubeginn

Ein grenzüberschreitender Industriepark mit Belgien und Luxemburg (Pôle Européen de Développement P.E.D.) lockte zwar industrielle Investoren an, aber einige blieben nur solange die staatlichen Subventionen flossen. Erfolgreicher war und ist der Handel. Das Einkaufszentrum mit dem Supermarkt Auchun ist heute der größte lokale Arbeitgeber.  Der überwiegende Teil der arbeitenden Bevölkerung jedoch verdient seinen Lebensunterhalt im nahegelegen Luxemburg sowie im Saarland und Rheinland-Pfalz.

Nach Jahren der Stagnation geht es aufwärts mit Longwy. Im Rahmen der Rückbesinnung stellt die Stadt eine alte Tradition wieder stärker heraus: das Porzellan- und Emaille-Kunsthandwerk. Fünf Manufakturen sind von Neuem verstärkt aktiv, darunter die Manufaktur „Faïenceries et Emaux de Longwy“, die ihren Ursprung im Jahr 1798 hat. Einen Einblick in die Geschichte des Kunsthandwerks erhält man im kommunalen Musée des Emaux et Faïences de Longwy in Longwy-Haut.

Glasfenster von Louis Majorelle

 

Ein Kleinod aus der Werkstatt von Louis Majorelle findet man im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma „Acieries de Longwy“ (Stahlwerke von Longwy), die Glasfenster „Vitraux Majorelle“. Majorelle (1859 – 1926) war Mitbegründer der französischen Jugendstilbewegung „Ecole de Nancy“ und Wegbereiter der nachfolgenden Art Déco-Richtung. Insgesamt 27 große Glasfenster im Treppenhaus des Gebäudes zeigen den Herstellprozess von Stahl und die Arbeit der Hüttenwerker. In der ersten Etage können die Büros des Werksdirektors und des Aufsichtsrats besichtigt werden, die von Majorelle im Art Déco-Stil möbliert wurden.

Der Förderung des Tourismus diente auch die Restaurierung der erhaltenen Reste der Zitadelle in der Oberstadt. Die in den Jahren 1679 bis 1684 errichtete Festung ist ein typisches Beispiel der Arbeit von Sébastien Le Prestre de Vauban (1633-1707), dem Militärarchitekten von Louis XIV. In Anerkennung der Arbeit Vaubans hat die UNESCO die Zitadelle von Longwy zusammen mit 11 weiteren typischen Festungsbauwerken von 2008 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Zitadelle von Longwy: Porte de France

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Vittel

Grande galerie thermale

Wer kennt nicht Vittel, dieses stille Wasser aus Frankreich, abgefüllt in hellblauen Kunststoffflaschen!

Die Stadt Vittel, aus dessen Quellen das Wasser kommt, liegt in den Vogesen, 42 km westlich von Epinal, der Hauptstadt des Départements Vosges. Lange bevor das Wasser in Flaschen abgefüllt wurde, nutzten es die Römer zu Heilzwecken. Dann geriet diese medizinische Anwendung in Vergessenheit und es dauerte bis zum Jahr 1854, als der Anwalt Louis Bouloumié (1812-1869) den Bau eines Thermalbades in Angriff nahm. Unter der Leitung seiner Nachkommen wurden schrittweise Hotels, Bäder und Freizeiteinrichtungen gebaut, ergänzt durch einen Landschaftspark mit Palmarium, Schwimmbad und Golfplatz. Die „Société des Eaux de Vittel“ zur Vermarktung des Wassers wurde im Jahr 1882 gegründet.

In den 1920er und 1930er Jahren war Vittel ein beliebtes Heilbad zur Behandlung von Leber- und Nieren-Krankheiten. 1903 wurde die industrielle Abfüllung von Wasser der Quellen Grande Source und Hepar aufgenommen. Beide Mineralwässer sollten die Kurgäste zu Hause zur Nachbehandlung  einsetzen. Während der Absatz des Wassers nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich gesteigert werden konnte, ging die Beliebtheit des Thermalbades zurück.

Club Med als Retter

Im Jahr 1973 übernahm der Club Med große Teile der historischen Gebäude wie das Grand Hotel und die ehemaligen Flaschen-Abfüllung. Innen vollkommen umgebaut, wird das traditionsreiche Gebäude heute komplett als modernes Fitnesscenter genutzt. Sport und Freizeit, Wellness mit Sauna und Hamam, sowie gutes Essen und Trinken sind das Konzept. Die Stadt Vittel hat ihre Tourismus-Förderung in gleicher Weise ausgerichtet. Alle wesentlichen Gebäude aus der Blütezeit des Thermalbades wurden unter Denkmalschutz gestellt. Das Casino aus dem Jahr 1882 wurde den heutigen Wünschen der Besucher angepasst, im historischen  Kongress-Gebäude finden Konzerte und andere Veranstaltungen statt.

Historische Flaschenabfüllung

 

Sehenswert ist der Bahnhof von Vittel. Hinter einer neoklassizistischen Fassade verbirgt sich eine große Eingangshalle mit einem Fliessenboden, der an eine Badeeinrichtung erinnert, und einer Möblierung im Art Déco-Stil. Eine große Kuppel aus Glas bringt viel Tageslicht in die Halle.

Das Musée du Patrimoine et du Thermalisme zeigt in einer umfangreichen Dauerausstellung die Geschichte der Stadt vom Dorf zum bedeutenden Thermalbad.

Steigender Absatz von Wasser

Bereits 1969 beteiligte sich der Schweizer Konzern Nestlé an der Firma Vittel. 1992 erfolgte dann die komplette Übernahme und Eingliederung in den Bereich Nestle Waters. Die Abfüllung erfolgt heute in einem großen Werk vor den Toren der Stadt, sichtbar von der Autobahn A 31. Abgefüllt werden nicht nur Vittel und Hepar, sondern auch Contrex aus dem benachbarten Contrexeville. Dafür wurde eine Pipeline von Contrexeville zum Abfüllwerk gebaut. Abgefüllt wird jährlich die gigantische Zahl von über 2 Milliarden Flaschen, vorwiegend in 1,5l PET-Flaschen.

Eingangshalle des Bahnhofs von Vittel

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La Planche des Belles Filles

Die 5. Etappe der Tour de France führt in die Süd-Vogesen zur Ski-Station La Planche des Belles Filles in 1148 m Höhe. Ein umfangreiches Freizeitprogramm soll auch im Sommer Besucher anziehen, da ist die Tour natürlich sehr willkommen. Die im Tal liegende kleine Gemeinde Plancher-les-Mines (1000 Einwohner) blickt auf eine Bergbau-Geschichte zurück, deren industrieller Aufschwung Mitte des 15. Jahrhunderts begann. Besonders der Silber-Abbau war sehr erfolgreich, gefördert wurden auch Eisen-, Blei- und Molybdän-Erze. Wegen Erschöpfung der Lagerstätten endete der Bergbau in Plancher-les-Mines im Jahr 1750.

Skulptur mit Fahrradfahrer aus Olivenholz  von Jacques Pissenem, artiste local

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Lothringer Küche

Das berühmteste Gericht der Lothringer Küche ist zweifellos die Quiche Lorraine, eine Tarte aus Mürbeteig belegt mit einer Mischung aus Eiern, Crème fraîche und Speckwürfeln, gewürzt mit Salz, Pfeffer und etwas Muskatnuss. Ein herzhafter, reichhaltiger Eintopf ist die Potée Lorraine, ein Zusammenstellung aus geräuchertem Schweinefleisch, Wurst und Gemüsesorten wie Wirsing, weißen Bohnen, Möhren, Kartoffeln und Steckrüben.

Die Mirabelle hat eine herausragende Bedeutung für Lothringen. Jährlich werden rund 15.000 Tonnen der gelben Frucht aus der Familie der Pflaumen geerntet, das sind über 70% der Weltproduktion. Die Mirabelle wird frisch verzehrt, vor allem aber verarbeitet zu Konserven, Fruchtpüree, Konfitüre und natürlich zum Mirabellen-Schnaps, einem Eau de vie mit Appelation. Natürlich verfeinert die Mirabelle auch die Lothringer Küche, sei es im Rahmen einer Mariage in den Hauptspeisen oder den zahlreichen Nachspeisen wie der Tarte aux Mirabelles, um nur einen Klassiker zu nennen. Während der Erntezeit im August bis Mitte September bieten viele traditionelle Restaurants Menüs an, in der die Mirabelle in jedem Gang vertreten ist.

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Amic'allemand

Ihre Waltraud Schleser

1. Vorsitzende der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg.  

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