Bericht über den 45. Arbeitskreis vom 12. Juni 2014

12. Juli 2014 AK Schule 0 Kommentare

« Simulation globale: Schüler schaffen ihre eigene Welt — sprechend, schreibend, lesend, gestaltend … – »

 

Referentin: Waltraud Schleser 

Bericht: Ingeborg Christ

Trotz Stürmen und ihren Folgen kam eine erfreulich große Gruppe von 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum 45. Arbeitskreis zusammen, um gemeinsam mit Waltraud Schleser das in Frankreich entwickelte Konzept der „simulation globale“ kennen zu lernen, Möglichkeiten der Umsetzung in verschiedenen Schulformen und Schulstufen zu erörtern sowie auch praktische Beispiele zu erproben.

Präsentation der Methode der „Simulation globale“
In einer Simulation globale, so definierte die Referentin, erschaffen und gestalten die Schüler innerhalb einer vorgegebenen Thematik ihre eigene fiktive Welt. Sie werden aktiv in die Unterrichtsgestaltung einbezogen, und sie beeinflussen in einem vorgegebenen Rahmen den Unterrichtsverlauf nach ihren eigenen Interessen und Vorstellungen, wobei sich das sprachliche Handeln auf natürliche und sinnvolle Art und Weise aus der selbst geschaffenen Situation ergibt.

 

Waltraud Schleser erinnerte an die Anfänge der Idee der „simulation globale“ in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Francis Debyser stellte damit ein Modell für handlungsorientierten Unterricht des Französischen als Fremdsprache vor. Dieser sollte unabhängig vom Lehrwerk oder auch ergänzend so inszeniert werden, dass die Schüler zu einer aktiven (Mit-)Gestaltung angeregt werden, wohingegen die Lehrkraft die Rolle als Regisseur und Unterstützer des Unterrichtsgeschehens übernehmen und weniger als bis dahin üblich das Unterrichtsgeschehen lenken sollte.

 

Der Methode liegen bestimmte Verfahrensschritte zugrunde, die die Referentin am Thema „La rue“ konkretisierte: Festlegung eines Themas – Entwicklung eines Szenarios unter Berücksichtigung von Handlungsorten, sozialem Milieu, Identitäten von Personen – Inszenierung der Interaktion der Personen  – Dokumentation. Die Referentin erläuterte und konkretisierte diese Verfahrensschritte etwa wie folgt:

Festlegung eines Themas:
Das Thema wird entweder von der Lehrkraft vorgeschlagen oder zusammen mit den Schülern erarbeitet.  Zu Themen wie etwa une île; un village, un hôtel, un hôpital, une expédition… gibt es ausgearbeitete Vorschläge (in: Les simulations globales, Hachette, 1996),  aber auch jedes andere Thema, das sich aus den Unterrichtsanforderungen ergibt, kann problemlos als simulation globale gestaltet werden. Zur Anregung für Schulen mit beruflichem Profil nannte Frau Schleser als Beispiele eine Firmengründung oder die Auftragsabwicklung. Um eine Auftragsabwicklung zu simulieren interagieren drei Firmen miteinander,  z.B. eine Weinfirma, ein Verlagshaus sowie ein Möbelgeschäft. Die Firmen haben Exportbeziehungen zum Ausland, eine davon bietet auch Sprachkurse an, damit die Auslandskontakte gemeistert werden können. Bei diesen Simulationen ergeben sich Situationen wie Handelskorrespondenz, Verkaufsabläufe sowie auch interkulturelle Probleme.

Entwicklung eines Szenarios zu dem gewählten Thema:
Zunächst wird der Rahmen konkretisiert: Bei dem Beispielthema „La rue“ (vgl. hierzu die Power-Point-Präsentation im Anhang) gehört dazu die Festlegung des Namens der Straße, der von den Schülern aufgrund von Recherchen im Internet oder in französischen Stadtplänen gewählt wird. Gleichzeitig wird die Straße in einer Stadt und in einem Viertel verankert. Es ergeben sich daraus Festlegungen des sozialen Milieus (z.B. Arbeiterviertel, Vorort-Villenviertel, Geschäftsstraße o.ä.), wobei die Referentin die Wahl eines sozial eher gemischten Milieus empfiehlt, um möglichst vielfältige Ausgestaltungsmöglichkeiten zu gewährleisten.

Bei der Konkretisierung von Gebäuden (Mehrfamilienhäuser, Reihenhäuser, Hochhäuser, Geschäfte) verhelfen Bildmaterial und Internetrecherchen dazu, kulturelle Besonderheiten zu ermitteln, die bei den Entscheidungen zu berücksichtigen sind.

Der nächste Schritt ist die Festlegung der Identitäten von Personen und Personengruppen, die in der Straße und in den Häusern wohnen, und die Kennzeichnung ihrer Beziehungen untereinander (z.B. Familienmitglieder). Die Referentin empfiehlt, für jede Person eine Karteikarte (fiche personnelle) zu erstellen, die Alter, Geschlecht, Beruf, Angaben zum Äußeren, zu besonderen Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen und ähnliches enthält. Zusätzlich kann auch jede Person mit einer „carte d’identité“ nach französischem Muster im Unterschied zum deutschen Personalausweis ausgestattet werden.

Der Rahmen lässt sich vielfältig ausgestalten, indem zum Beispiel die Wohnungen oder Zimmer genauer beschrieben und Lieblingsgegenstände einzelner Personen vorgestellt werden. Hierbei kann zu kreativen Aktivtäten angeregt werden wie Erstellung von Zeichnungen oder Collagen.

Interaktionen:
Nach der Gestaltung der Schauplätze und der Kennzeichnung der Personen werden Entscheidungen zu Interaktionen der Personen getroffen. Bezüglich Straße oder Gebäude nannte die Referentin den Impuls „Umzug“ oder „Einzug von Personen“. Hieraus können sich vielfältige Kontakte ergeben, die von den Schülern entfaltet werden, wie zum Beispiel Verhandlungen mit den Möbelpackern, Abschiedsgespräche, Kennenlerngespräche, Einladung zum Einstandsaperitiv und vieles mehr.

Dokumentation:
Die Realisierungen im Unterricht (entstandene Texte, Bilder, recherchierte Dokumente etc.) werden gesammelt. Die Lerngruppe entscheidet, ob die Dokumentation ihrer Simulation von allen Schülern gemeinsam betreut wird oder ob jeder Schüler eine eigene individuelle Dokumentation erstellt, die allerdings einige für alle gültige Dokumente enthalten sollte.

Praktische Arbeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung:
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung erhielten Gelegenheit, in Gruppen einige Schritte auf der Grundlage der oben genannten Themenliste (s. Anhang) oder eigener Überlegungen zu erproben. Die Ergebnisse sind zur Anregung hier kurz skizziert:

Beispiel: Vacances sur l’Ile de de Ré.
Als Rahmen für eine Simulation entschied sich die betreffende Gruppe für den  Campingplatz  «Les Mouettes ». Mehrere Familien verbringen dort ihre Ferien. Außer Wohnwagen (caravanes) gibt es dort auch kleine Ferienhäuser (chalets) und Zelte (tentes). Die Personen (identité des personnes) sind: ein deutsches Lehrerehepaar mittleren Alters in einem der chalets,  ein Elektromeister mit Frau in einem komfortablen Wohnwagen, deren Kinder in kleinen Zelten schlafen. In einem weiteren Zelt wohnt ein junges Paar, das auf dem Motorrad zum Jugend-Musikfestival angereist ist …

Beispiel: Une île francophone de rêve.
Bei diesem Beispiel für jüngere Schüler wählen diese, ausgehend von einer Präsentation frankophoner Inseln, ihre Trauminsel aus, auf der sie als Gruppe die Ferien verbringen. Sie gestalten die Einzelheiten aus, beschreiben die Insel und ihre Unterkünfte und stellen die Aktivitäten zusammen, denen sie sich dort widmen können. Unter anderem planen sie ein Inselfest und führen es durch. Dabei stellen sich vielfältige Aufgaben und Sprechanlässe.

Au collège en France.
Bei diesem Thema, das die Schauplätze Französischkurs, Kantine, Pausenhof und andere Örtlichkeiten umfasst, kommen unterschiedliche Personen vor, Schüler, Lehrkräfte,  Direktor/in, Kantinenwirt u.a. Eine Schwierigkeit könnte sich aus kulturellen Unterschieden des Schullebens in Frankreich im Vergleich zum eigenen in Deutschland ergeben, zu denen ggf. Recherchen anzustellen sind. Aber solche Unterschiede bieten auch Anlässe zu interkulturellem Lernen.

La vie au Québec / la vie en Belgique.
Diese Gruppe überlegte, ob es möglich sei, im Zusammenhang eines vom Lehrplan für die Oberstufe angeregten landeskundlichen Themas eine „simulation globale“ durchzuführen.  Schwierigkeiten sah die Gruppe bei dem Thema „Le Québec“ voraus, da den Schülern die Welt dort nur wenig vertraut sei. Bei einer vertrauteren Region wie Belgien sieht die Gruppe bessere Möglichkeiten, das dortige Leben in einer Simulation zu gestalten.

Le travail à l‘hôtel.
Für Schulen mit berufsbildendem Profil entwickelte eine Gruppe eine Simulation, die sich über einen 5-tägigen Intensivkurs erstreckt. Der Schauplatz ist ein Hotel, die Personen sind der Hoteldirektor, der Sekretär/die Sekretärin, Empfangspersonal, etc. Für jeden der fünf Tage wird ein besonderes Ereignis im Hotel angesetzt, das die Beziehungen der Personen untereinander bestimmt. So werden an einem Tag Mitarbeiter für die Rezeption eingestellt, auf der Grundlage entsprechender Bewerbungsgespräche. An einem anderen Tag droht die Übernahme des Hotels durch ein anderes Unternehmen, das neue Lohnabsprachen und Entlassungen ankündigt. Aus diesem Anlass wird für einen folgenden Tag ein Streik angekündigt. Diese und weitere Situationen führen zu vielfältigen Sprachaktivitäten.  Das Beispiel des Intensivkurses gab die Anregung, ggf. bei einer Projektwoche an einer anderen Schulform eine Simulation anzubieten.

Fazit .
Die erfreulich zahlreichen Mitglieder des Arbeitskreises, die den Weg  zum Tagungsort in Duisburg finden konnten, erlebten eine äußerst lebendige und bereichernde Veranstaltung. Waltraud Schleser informierte interessant, klar und anregend, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer engagierten sich ihrerseits aktiv, mit Phantasie und auch Fröhlichkeit bei den in französischer Sprache gehaltenen Gruppengesprächen. Der Referentin wurde herzlich gedankt, insbesondere auch dafür, dass sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung ihre Power-Point-Präsentation zur Verfügung stellte, die als Anhang beigefügt ist.

 

 

 


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