Bericht über den 46. Arbeitskreis vom 30. Oktober 2014

14. November 2014 AK Schule 0 Kommentare

Bericht über den 46. Arbeitskreis vom 30. Oktober 2014

Was kann der Französischunterricht zu einer Städtepartnerschaft beitragen und was kann er dabei gewinnen?

Duisburg und Calais feiern in diesem Jahr das 50-jährige Bestehen ihrer Städtepartnerschaft. Aus diesem Anlass widmete sich der 46. Arbeitskreis der Frage, in welcher Weise der Französischunterricht dazu beitragen kann, Partnerschaftsbeziehungen zwischen einer deutschen und einer französischen Stadt zu bestärken sowie die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zu nutzen.  Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eingeladen, über ihr Engagement und ihre Erfahrungen zu deutsch-französischen Partnerschaften und Begegnungen zu berichten. Es kam eine Reihe sehr lebendiger Beiträge zusammen, die ein vielfältiges Bild der Partnerschaftsbeziehungen boten und auch zahlreiche innovative, weiterführende und nützliche Anregungen enthielten. Ulrike Hebel moderierte geschickt und kompetent die Veranstaltung.

Das Thema weckte weit über den Kreis der 30 teilnehmenden Lehrkräfte hinaus Interesse. So durften wir hochrangige Gäste begrüßen: Wolfgang Schwarzer, den Präsidenten der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg (DFG), Dr. Beate Baumanns, die langjährige Präsidentin der DFG und Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften (VDFG), sowie Dr. Babette Nieder, die frühere Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW/OFAJ), heute Verantwortliche im Rathaus Herten für das Ressort Innovation und Klimaschutz.

Einführung in die Thematik der Veranstaltung 

Einleitend wurde an die Bedeutung der deutsch-französischen Städte- und Schulpartnerschaften für die Gesellschaft beider Länder erinnert. In den Anfängen verband sich mit ihren Gründungen die Intention, die deutsch-französische Versöhnung in der Nachkriegsgesellschaft mit Leben zu erfüllen. In diesem Sinne stellt der Schüler- und Jugendaustausch neben der Kooperation in der Außen- und in der Verteidigungspolitik die dritte Säule der Zusammenarbeit im Elysée-Vertrag von 1963 dar. Heute sind die deutsch-französischen Beziehungen in eine größere europäische und globale Welt eingebunden. Die Partnerschaften erhalten daraus neue Aufgaben, es eröffnen sich ihnen aber auch neue Möglichkeiten. Das eng geknüpfte deutsch-französische Netzwerk auf allen Ebenen der Kultur, der Bildung, der Wirtschaft, des Handels, der Verwaltung bietet den Jugendlichen vielfache Gelegenheiten, interkulturelle Erfahrungen bei Austausch, Projekten, Praktika, Arbeitsaufenthalten im Partnerland zu erwerben.

Beiträge zum Thema der Veranstaltung 

Dr. Babette Nieder betonte, dass die Erfahrung, sich in einer sprachlich und kulturell anderen Umgebung zu bewähren, für Jugendliche heute unerlässlich sei. Der deutsch-französische Rahmen stelle hierfür ein besonders geeignetes Erprobungsfeld dar, in dem Fremdheit verbunden ist mit Nähe, neue kulturelle Erfahrung mit schulischer Lern- und Spracherfahrung. Nach der Bewährung in einem solch vergleichsweise überschaubaren Zusammenhang sei der Schritt in die äußerst komplexen multikulturellen Begegnungssituationen der europäischen und der globalen Welt vorbereitet und leichter zu bewältigen. Insbesondere bei themen- und projektorientierten Begegnungen, könne in der bilateralen Kooperation  das Bewusstsein der Jugendlichen dafür geschärft werden, dass viele Aufgaben, die sich den heutigen Gesellschaften stellen, wie Migration, Asylsuche, Klimaschutz, Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität u.a. der gemeinsamen und dadurch mehrperspektivischen Reflexion, Planung und internationalen Kooperation bedürfen. Von besonderer Bedeutung aber sei, dass die Schülerinnen und Schüler bei den Partnerschaftsbegegnungen erleben, mit welchem Engagement sich ihre Lehrkräfte und auch andere Erwachsene in das Projekt einbringen. Solche Erfahrungen seien nachhaltig prägend für die Jugendlichen. Sie ermutigte die Lehrkräfte, das Netzwerk ihrer Stadt zu nutzen. Hierzu bieten sich gerade bei projektorientierten Begegnungen vielfältige Möglichkeiten, die von der Stadt und weiteren Partnern gern und kompetent gewährt werden.

Wolfgang Schwarzer präsentierte in einem Power-Point-Beitrag die französische Partnerstadt Duisburgs, Calais. Er erläuterte an Hand von Bildern ihre geographische Lage an der engsten Stelle des Ärmelkanals, ihre Entwicklung als wichtige Hafenstadt, die in ihrer Geschichte auch kriegerisch artikulierte Begehrlichkeiten von der anderen Seite des Kanals weckte (100-jähriger Krieg), ihre kulturelle Bedeutung, die sich nicht zuletzt in dem von der OECD als Weltkulturerbe ausgezeichneten Calaiser Rathaus und in der bedeutenden Skulptur der „Bürger von Calais“ des Bildhauers Auguste Rodin manifestiert. Unter dem Stichwort  Sangatte wurden  auch die gegenwärtigen Probleme der Stadt als Wartesaal von Asylanten und den damit verbundenen Gegenreaktionen in Kreisen der politischen Rechten thematisiert. Abschließend würdigte er die 50jährige Partnerschaft der beiden Städte und deren Initiatoren.

Der anschließende Beitrag von Ingrid Debus zu Schulpartnerschaften mit Schulen in Calais und der Region Nord-Pas-de-Calais bestätigte die Bedeutung, die Begegnungen der Jugendlichen in einem solchen deutsch-französischen Rahmen zukommt. Eine gemeinsam verbrachte Woche stelle eine große emotionale Erfahrung dar und schaffe Freundschaften. Sehr wichtig sei aber auch die Einbindung der Partnerschaft in das schulische Leben durch gemeinsamen Unterricht der Partner und gemeinsame Aktivitäten z.B. in den Bereichen Kunst, Sport, Informatik sowie durchaus auch beim gemeinsamen Kochen und Essen. Des Weiteren empfahl sie dringlich den Einbezug der Eltern und die Aufnahme von Kontakten zu Vertretern der Stadt und der Presse. Ingrid Debus betonte, wie wichtig es für die Schüler sei zu erfahren, dass ihre Begegnung in einem größeren Ganzen steht, das symbolhaft zum Beispiel in einem Empfang der Jugendlichen im Rathaus und entsprechenden  Begrüßungsworten und Presseberichten zum Ausdruck komme.

Doris Gerwinn-Langner machte bei dem langjährigen Schüleraustausch zwischen Benrath und St. Malo die Erfahrung, dass sich eine Begegnung im Abstand von jeweils zwei Jahren für die Klassen 8 bis 10 bewähre, da sie eine zeitliche Entspannung bei der Planung bedeute. Des Weiteren stelle bei einem fächerübergreifenden Programm die Beteiligung von Lehrkräften anderer Fächer den Austausch auf eine breitere Grundlage. Allerdings stellten sich für die Sprachlehrkräfte hierbei Aufgaben der sprachlichen Vermittlung. Frau Gerwinn-Langner bestätigte die  Bedeutung von Willkommens- und Abschlussfestlichkeiten bei den Begegnungen, die als emotionale Höhepunkte erlebt werden. Zur Fundierung des kulturellen Programms, so empfahl sie, tragen Kurzreferate der Schülerinnen und Schüler bei, und um Nachhaltigkeit der Erfahrungen zu gewährleisten, erhalten sie den Auftrag, täglich ein Protokoll (cahier de bord, eine Din-A-4-Seite) zu erstellen. Nach Abschluss der Begegnung erhalte jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin die gesammelten Texte.

Victoria Lubarski-Goldbeck berichtete von einer Fortbildung des DFJW / OFAJ zur Begegnung mittels „Tele-Tandem“. Bei dieser „formation en ligne“ war sie per Internet mit französischen Partnern verbunden und erprobte modellhaft mit ihnen Möglichkeiten der Kommunikation auf einer Internet-Plattform im Chat-room und mittels Pinnwand, bei der die Tandem-Partner wechselseitig als Lehrer der eigenen Sprache und als Lerner der Partnersprache handeln. Die Fortbildung erstreckte sich über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten und enthielt zwei Präsenzphasen in Berlin. Die Referentin stellte ein Arbeitsbeispiel zur Verfügung, aus dem die Kooperation der Schülerinnen und Schüler ersichtlich wird. Einige Entscheidungen, so erfuhr sie bei der Erprobung, sind von spürbaren praktischen Konsequenzen für das Gelingen. So sollte der jeweilige Anteil der beiden Sprachen vorab festgelegt werden, um Sprachengleichgewicht bei der Tele-Kommunikation zu gewährleisten. Des Weiteren sei zusammen mit den Partnern zu überlegen, ob die Begegnungen im Internet synchron oder asynchron geplant werden sollten. Nach Meinung der Referentin lassen sich asynchrone Begegnungen leichter verwirklichen.

Julie Vanbrackel stellte Beispiele zweisprachiger deutsch-französischer Rallyes vor, die in Düsseldorf und Köln durchgeführt wurden. Die Referentin empfahl, zusammen mit den Schülerinnen und Schülern ein Beispiel zu erarbeiten bzw. es vorzugeben und ihnen dann den Auftrag anzuvertrauen, selbst eine Rallye für die Partner zu erstellen. Nach ihrer Erfahrung wird diese Aufgabe gern und mit großer Gewissenhaftigkeit von den Schülerinnen und Schülern übernommen. – Die Beispiele wurden den Anwesenden dankenswertet Weise zur Verfügung gestellt.

Marjan Beckering berichtete von mehreren Austauschmaßnahmen in Nord- Pas-de-Calais und der Picardie. Besonders bewegend war die gemeinsam mit den französischen Partnern erlebte Feierstunde im Collège et Lycée Dupleix anlässlich des 11. November, Jahrestag des Endes des 1. Weltkriegs. Die Schülerinnen und Schüler ließen sich von den Symbolen der Versöhnung beeindrucken, den Reden und Würdigungen, den Flaggen der beteiligten Nationen, der Europahymne. Dieser Zeitpunkt wurde Anlass, die Schülerbegegnung dieses Jahrgangs ganz in diesem thematischen Zusammenhang zu gestalten, mit Besuch des Gedenkmuseums in Péronne, in dem drei Sichtweisen auf den 1. Weltkrieg zum Ausdruck kommen, die französische, die britische und die deutsche Sicht, bestens präsentiert und nahegebracht von der dortigen Museumspädagogin. Des Weitern besuchten die Schülerinnen und Schüler einen der dortigen Soldatenfriedhöfe auf ihrem „Circuit à la découverte du front britannique (monuments, cimetières, champs de bataille)“ und machten die bedrückende Erfahrung, in einem Schützengraben zu stehen. Die Referentin  stellte ein umfangreiches Dossier zu den Begegnungen zur Verfügung und empfahl abschließend insbesondere den Besuch des 2012 eröffneten Louvre-Lens.

Übertragbare Erfahrungen 

Aus den Beiträgen und Diskussionen ergaben sich viele Erkenntnisse. Dabei wurden Probleme sichtbar doch andererseits auch Lösungshinweise und Ratschläge vorgetragen, die für weitere Planungen von Bedeutung sein können:

Die Bedeutung des Angebotes von Begegnungsprojekten für die Jugendlichen
D
as emotionale Erlebnis eines Partnerschaftsprojektes ist nach wie vor von höchster und prägender Bedeutung für die Jugendlichen. Des Weiteren ist die Erfahrung des hohen Engagements der Lehrkräfte und der weiteren  beteiligten Erwachsenen von unschätzbarer Wirkung.

Planung von Aufgaben vor, während und nach dem Austausch
Um ein Gelingen des Vorhabens zu gewährleisten, wird empfohlen, einen Plan der Aufgaben aufzustellen und diese mit den Beteiligten abzusprechen und zu verteilen.

Beteiligung der Schulleitung der Eltern
Die Schulleitung sollte umfangreich in die Planungen einbezogen werden, damit das Austauschprojekt als Schulprojekt verstanden und gefördert wird. Ebenso sind die Eltern von Anfang an bei den Planungen zu beteiligen. Nicht nur die Jugendlichen, auch die Eltern bedürfen der Bestärkung, wenn ihr Kind ins Ausland fährt, und ebenfalls, wenn sie einen jugendlichen Gast aufnehmen.

Empfehlenswerte Aktivitäten während der Begegnung
Nach der Ankunft sollte Gelegenheit geboten werden, die Schule kennen zu lernen. Dies kann in einer Führung erfolgen oder in einer Erkundung mit Hilfe eines Fragebogens zu den Örtlichkeiten, zur vergleichenden Einschätzung der Institution (z.B. Schülerzahlen, Anteil Mädchen/Jungen), zur Erfragung der Unterrichtsfächer, der Unterrichtsinhalte sowie auch zur Mitschau von Unterricht. Von großer emotionaler Bedeutung sind gemeinsame Willkommens- und Abschlussfeste mit Einladung aller Beteiligten. Zum Kennenlernen der Stadt werden Rallyes empfohlen.

Problem der Finanzierung
In manchen Familien besteht das materielle Problem, einen Gast aufzunehmen. Hier ist mit Sensibilität und in Zusammenarbeit mit der  Lehrkraft der Partnerschule zu verfahren. Es ist dabei zu bedenken, dass zur interkulturellen Erfahrung auch gehört, sich ggf. in eine andere soziale Situation einzufügen. Um Finanzierungsprobleme zu vermeiden, wird empfohlen, dass die deutschen Schüler von ihnen gewünschte Unternehmungen im Partnerland grundsätzlich selbst bezahlen und umgekehrt.

Gravierendes Problem, eine Partnerschule zu finden und zu bewahren
Die Beständigkeit einer Partnerschaft hängt zu großen Teilen von Individuen und ihrem Engagement ab. Die Versetzung einer Lehrkraft in eine andere Schule, Stadt oder in den Ruhestand kann die Situation von heute auf morgen verändern. Eine fächerübergreifende Planung und damit Verteilung des Engagements auf mehrere Beteiligte kann die Partnerschaft in der Schule verankern und auf eine breitere und nachhaltigere Basis stellen. Das Problem hat sich in den letzten Jahren verschärft: Da die Nachfrage nach Deutsch als Fremdsprache in Frankreich zurückgeht, stehen weniger Klassen zur Verfügung und ist das Bedürfnis nach Begegnung geringer. Umgekehrt zeigt sich dieses Problem auch an deutschen Schulen bezüglich der Fremdsprache Französisch. Im ANHANG sind einige Adressen aufgeführt, bei denen Hinweise auf Lösungen erwartet werden dürfen.

 

Fazit
Aus den Erfahrungen der Lehrkräfte ergibt sich als Antwort auf die im Titel der Veranstaltung gestellte Frage, dass eine Stadt sowie das gesamte Geflecht der deutsch-französischen Beziehungen ein Netzwerk darstellen, das die Schulen zur Förderung von Begegnungen nutzen können und sollen. In aller Regel wird den Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern im Rahmen des Möglichen gern mit Rat, Tat und auch materiell geholfen. Dazu darf durchaus angemerkt werden, dass die Jugendlichen ihrerseits durch ihre Partnerschaft und ihr Engagement dazu beitragen, das Profil ihrer Schule zu stärken und die Beziehungen zwischen den Schulen und den Städten zu festigen, und sie tragen auch durch ihren Elan dazu bei, ihrer Stadt Impulse zu geben und das Gemeindeleben vielfältiger zu gestalten.

Dank
Den Kolleginnen und Kollegen, die von ihren vielfältiger Erfahrungen berichteten, ist Dank zu sagen für eine sehr lebendige Veranstaltung, die eine Fülle von Anregungen und nützlichen Hinweisen bot, aber auch den eigentlichen und tiefen Sinn des Französischunterrichts, Partnerschaft zu ermöglichen und zu bewirken, begeisternd zum Ausdruck brachte.

Dank ist auch zu sagen an Herrn Jürgen Lohmann vom Verlag Cornelsen, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Bücherspenden reich beschenkte, sowie Herrn Jürgen Donat, der im Gepäck seines wie immer anregenden Lese-Angebotes auch, ganz auf der Höhe der Zeit, einen Roman des gerade gekürten Nobelpreisträgers Patrick Modiano mitgebracht hatte.


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