Bericht über den 49. Arbeitskreis vom 19. März 2015

20. März 2015 AK Schule 0 Kommentare

Referent: Dr. Manfred Overmann / Bericht : Dr. Ingeborg Christ

Der 49. Arbeitskreis wurde gemeinsam mit dem Verlag Klett, Stuttgart durchgeführt. Termin und Thema standen im Zusammenhang mit dem alljährlichen Tag der Frankophonie am 20. März, der auf die Bedeutung der französischen Sprache für den Dialog der Kulturen hinweist. Die Veranstaltung fand aber auch genau einen Tag nach dem Terrorattentat in Tunis vom18. März statt, welches zeigte, dass die Hoffnungen der Menschen dieser Region auf Frieden, Respekt, Mitbestimmung und Wohlstand, für die sie sich im „Arabischen Frühling“ eingesetzt hatten, sich so schnell nicht werden erfüllen lassen.

Informationen zum Maghreb

Was bedeutet der Name Maghreb, welche Länder gehören dazu, welches sind Kennzeichen dieser Region? Dr. Manfred Overmann, Lehrender an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und ausgezeichneter Kenner der frankophonen Länder, eröffnete die Veranstaltung mit grundlegenden Informationen: In arabischer Sprache bedeutet die Bezeichnung Maghreb „da, wo die Sonne untergeht“. Der Begriff umfasst die Länder  Marokko, Algerien, Tunesien, auch genannt le petit Maghreb, die zusammen mit Mauretanien und Libyen le grand Maghreb bilden.

Diese geographisch in Nordafrika gelegene Region zeigt in ihrer an das Mittelmeer grenzenden Küste im Norden ein Klima und eine Vegetation, die mit denen Italiens und Spaniens vergleichbar sind. Im Süden kennzeichnen sie Wüstenregionen der Sahara.

Historisch hatten die Mittelmeerländer und der Maghreb gemeinsame Geschichtsepochen mit Merkpunkten wie Karthago, punische Kriege und römische Besiedlung in vorchristlicher Zeit, byzantinische Besiedlung und Christianisierung, Islamisierung und Arabisierung, die bis Spanien und Südfrankreich ausgriff, im Mittelalter, Kolonisierung durch europäische Staaten vor allem durch Frankreich im 19.  Jahrhundert.

Die sprachliche Situation ist komplex: Offizielle Amtssprache ist das klassische Arabisch des Koran, welches aber außer einigen Gelehrten und Imamen nahezu niemand mehr spricht. Stattdessen gibt es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein modernisiertes, standardisiertes Arabisch als Schulsprache und in der Verwaltung. Aber auch dieses neuzeitliche Arabisch wird von den meisten Bürgern der mittleren und unteren Klassen weder verstanden noch gesprochen. Die Muttersprachen und Umgangssprachen sind das Berberische, dialektales Arabisch und Kolonialfranzösisch. Letzteres ist in den gehobenen Bevölkerungsschichten und der Verwaltung sehr verbreitet und wird auch als Unterrichtssprache  in der universitären Ausbildung verwendet. Seit 2011 ist in Marokko als erstem Land des Maghreb auch Berberisch als Amtssprache in der Verfassung verbürgt und wird an Grundschulen gelehrt.

Dossier pédagogique Le Maghreb

In seinen Ausführungen stützte sich der Referent auf das von ihm zusammen mit Laure Boivin beim Verlag Klett, Stuttgart 2014 herausgebrachte Dossier pédagogique zum Thema (Boivin / Overmann 2014; s. auch Overmann et al. 2014). Es enthält eine Fülle authentischer Materialien, literarische und Sachtexte, Karten, Zeichnungen, Auszüge aus einer Bande dessinée, Photos u.ä., verbunden mit einem didaktischen Apparat,  Arbeitsblättern, Vokabularien, Kompetenzbeschreibungen sowie Aufgaben und Anregungen für ein aktives, projektorientiertes und zu eigenen Recherchen anleitendes sprachlich-interkulturelles Lernen der französischen Sprache. Eine CD-ROM begleitet das Dossier. (Eine umfangreiche Rezension des Dossiers findet sich bei Rita Hochstein 2014). – Die 3 großen Kapitel des Dossiers widmen sich Themen wie folgenden:

  • Facettes culturelles – L’Orient qui fascine
  • Histoire coloniale – L’arrivée des Français – la période coloniale – la guerre d’Algérie
  • Une modernité mouvementée – le climat politique, identité, le printemps arabe. 

Als auslösendes Element für die politischen Proteste, Revolten und Umwälzungen in den letzten Jahren, die unter der Bezeichnung „Arabischer Frühling“ und „Arabellion“ die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zogen, erinnerte der Referent an die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in dem kleinen Ort Sidi Bouzid in Tunesien im Jahr 2010. Sie war der sprichwörtliche Funke, der  das Feuer entfachte, zunächst in Tunesien, von wo es auf ganz Nordafrika überging und darüber hinaus, weit hinein in andere arabische Regionen. Der Flucht, und der Absetzung des tunesischen Machthabers folgten Regierungsumwälzungen in weiteren Ländern. Gründe waren autoritäre Regime verbunden mit mangelnder Mitbestimmung der Bevölkerung, Polizeiwillkür und Korruption. Des Weiteren trugen auch die sozialen Strukturen, die Arbeitslosigkeit, insbesondere bei jüngeren Menschen, bei gleichzeitig steigenden Preisen, zu dem Gefühl der Ausweglosigkeit und der Demütigung bei. Auch die Frauen erstrebten eine Verbesserung ihrer Rechtsstellung.

Tahar Ben Jelloun: Par le feu

In dieser kurzen fiktiven Erzählung zu den Tagen vor der Selbstverbrennung des Mohamed Bouzizi, die M. Overmann vorstellte, erlebt der Leser die bedrückende, bleierne alltägliche Atmosphäre einer Diktatur, die ständige Polizeiüberwachung, die Korruption und Gewalt in großen, aber auch und gerade in kleinen täglichen Erfahrungen. Der Protagonist sieht schließlich keinen anderen Ausweg als mit seiner spektakulären öffentlichen Selbstverbrennung auf Armut, soziale Kälte der Verantwortlichen, Akte der Unterdrückung und Erniedrigung des Einzelnen, insbesondere des sozialschwachen Einzelnen, aufmerksam zu  machen. – Wir danken dem Verlag Klett herzlich, dass er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Veranstaltung die Schulausgabe (Ben Jelloun: 2014) zur Verfügung stellte.

Interkulturelle Reflexion

Auch wenn das Attentat vom 18. März, Vortag unserer Veranstaltung, mit Geiselnahme im Museum von Tunis einen anderen, einen islamistischen Hintergrund hatte, erinnert es doch daran, dass Armut und ihre Folgen auch ein Nährboden für ideologisch-religiösen Fanatismus sind. Die beiden Attentäter kamen aus einem Armenviertel in Tunis. Eine Veranstaltung wie dieser Arbeitskreis  mag Anlass geben zu bedenken, welche Aufgaben sich der westlichen Welt stellen, um die noch fragilen neubegründeten Demokratien zu stützen.

Dank

Wir danken Herrn Manfred Overmann für seine Einführung in eine faszinierende, bedrohte, aber in manchem auch bedrohliche Welt, und auch dafür, dass er sie in ausgezeichnetem Französisch darbot. Des Weiteren danken wir Frau Eva Dähne vom Verlag Klett, dass diese Veranstaltung möglich wurde.

Bibliographische Angaben 

  • Ben Jelloun, Tahar (2014): Par le feu et Etincelle. Edition scolaire annotée par Laure Boivin et didactisée par Manfred Overmann. Stuttgart: Klett Verlag.
  • Boivin, Laure / Overmann, Manfred (Hrsg.) (2014): Le Maghreb. Dossier pédagogique. Stuttgart: Klett (avec CD-ROM).
  • Hochstein-Peschen, Rita (2014): Rezension: Laure Boivin / Manfred Overmann: Le Maghreb. Dossier pédagogique. (…), in: Französisch heute, 2014, Heft 3, 143-145.
  • Overmann, M., Lange, U.C., Reinfried, M.) (Hrsg.) (2014): Le Maghreb (Thementeil). Französisch heute, 2014, Heft 3.

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