Bericht über den 56. Arbeitskreis am 29. September 2016 „Didier Daeninckx: CANNIBALE – ein Unterrichtsmodell“

11. Oktober 2016 AK Schule 0 Kommentare

Referentinnen: Claudia Karwe und Ulrike Weiwad-Klenk, Mons-Tabor-Gymnasium, Montabaur

Vorbemerkung
Das 56. Treffen stand in einer Reihe von Veranstaltungen des Arbeitskreises (AK) zum Thema „Frankophonie“, das auch Thema der Zentralen Abiturprüfung (ZA) in Nordrhein-Westfalen ist. Kontakte der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg (DFG) zu Didier Daeninckx bestehen seit einem Vortrag und einer Lesung des Autors vor wenigen Jahren in Duisburg sowie insbesondere, seitdem eine Gruppe aus dem Arbeitskreis den Roman „Galadio“, dessen Handlung zum Teil in Duisburg spielt, in die deutsche Sprache übersetzt hat. Am 14. November, 19.30-21.00 Uhr, wird der Autor zu einer Vortragsveranstaltung zu seinem neuesten Werk „Caché dans la maison des fous“ in Duisburg erwartet.

Der 56. Arbeitskreis
Im Zentrum des 56. AK stand der Roman „Cannibale“ von Didier Daeninckx. Das von den Referentinnen Claudia Karwe und Ulrike Weiwad-Klenk als Autorinnen in der Reihe „EinFach Französisch“ im Verlag Schöningh herausgebrachte „Unterrichtsmodell Didier Daeninckx: Cannibale“ stellt den Roman durch begleitende Texte, Bild- und Tonmaterialien in den historischen Kontext des Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert („univers autour du livre“) und verdeutlicht dessen Folgen bis in die heutige Zeit.

Die Veranstaltung hatte folgende Schwerpunkte:
Grundsätzliches im Umgang mit Ganzschriften
Begründung der Auswahl des Romans CANNIBALE
Die Behandlung des Romans im Unterricht
Erprobung einer konkreten Arbeitsaufgabe mit den teilnehmenden Lehrkräften.

Für die Referentinnen ist für die Wahl eines Textes von Bedeutung, dass die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe anhand interessanter Inhalte so in die Lektüre von Ganzschriften eingeführt werden, dass sie Begeisterung für einen Text und seine Fragestellungen gewinnen, übertragbare Leseverfahren erwerben und sich über den jeweiligen Text hinaus größere Zusammenhänge des Weltwissens über Frankreich und die frankophone Welt erschließen. Der Schwierigkeitsgrad eines Textes sei für die Wahl insofern von geringerer Bedeutung, als er durch gezielte Hilfen (Wortschatzhilfen, unterstützende Aufgabenstellung) reduziert werden könne.
Ein treffendes Beispiel ist der Roman „Cannibale“. Anhand der bewegenden und spannenden Geschichte junger Menschen führt er zu einem wichtigen Kapitel der Geschichte Frankreichs und Europas und vermittelt dadurch auch Verständnis für heutige Probleme der Immigration aus den ehemaligen Kolonialgebieten. Darüber hinaus besteht ein aktueller Bezug, denn im Jahr 2018 wird in Neukaledonien, dem Heimatland des Protagonisten, ein Referendum für oder gegen eine völlige Ablösung von Frankreich durchgeführt.
In ihren Ausführungen zeigten die Referentinnen, wie durch angemessene methodische Verfahren die Zugänge zu einem Roman und seinen Inhalten erleichtert, Interesse geweckt, Eigeninitiative gefördert und Zutrauen zur Eigentätigkeit vermittelt werden können. Die Förderung der Lesekompetenz erweitert sich über teils detailliertes Lesen (lecture méthodique), teils extensives Lesen (lecture extensive), bei dem größere Passagen selbstständig erarbeitet und ggf. zusammengefasst werden. Handlungsorientierte und kreative Aufgaben ermöglichen einen emotionalen und individuellen Zugang zum Text.

Anhand einer Bilderserie konnten die am Arbeitskreis teilnehmenden Lehrkräfte abschließend einige der inhaltlichen Aspekte und der methodischen Verfahren im Partner- bzw. Gruppengespräch vertiefend erörtern.

Inhalt des Romans
Gestützt auf historische Quellen erinnert der Roman an die „Exposition coloniale“ von 1931 in Paris und stellt damit ein besonders bewegendes und empörendes Beispiel des Rassismus vor Augen. In eine Rahmenhandlung, die im Jahr 1988 in dem von Unabhängigkeitsbestrebungen bewegten Neukaledonien (Südpazifik) spielt, ist eine Erzählung eines 75 Jahre alten Kanaken, wie die Menschen in Neukaledonien offiziell heißen (Kanake = Mensch), eingefügt: Gocéné blickt auf die Ereignisse von 1931 zurück, wie er sie als 18-Jähriger erlebt hat. Er und andere junge Menschen aus Neukaledonien wurden von Vertretern der damaligen Kolonialmacht Frankreich gezwungen, bei der Kolonial-Ausstellung in Paris in einem Menschenzoo, hinter Gittern, als Schauobjekte menschenfressende Wilde darzustellen. Die Dramatik der Erzählung ergibt sich aus der Tatsache, dass Minoé, die Braut des Erzählers, an einen Zirkus in Deutschland verschickt wird. Gocéné und ein Cousin entfliehen ihrem Zoo, um in abenteuerlicher Suche die Braut wiederzufinden.

Wie in seinen anderen Texten geht es dem als „auteur engagé“ bekannten Autor nicht in erster Linie darum, anhand eindrucksvoller Beispiele zu zeigen, was historisch gewesen ist, sondern vielmehr darum, die Frage entstehen zu lassen, was man als Leser selbst in einer solchen oder vergleichbaren Situation vielleicht anderen angetan hätte und noch antut. Das historische Interesse verbindet sich mit dem Willen aufzuklären und für Empathie zu befähigen.
Fünf Module
Nach dem „Unterrichtsmodell“ der Referentinnen / Autorinnen erfolgt die Arbeit im Rahmen von fünf Modulen. Im 1. Modul wird die befremdliche und abstoßende Realität der Exposition coloniale in Paris vorgestellt, in der neben Käfigen mit exotischen Tieren Menschen dunkler Hautfarbe gezwungen werden, sich zur Unterhaltung des Publikums so zu verhalten, wie es das Stereotyp des Kannibalen suggeriert. Diese Annäherung („approche“) stützt sich auf Fotografien aus der Zeit, Titelfotos verschiedener Ausgaben des Romans und Bildmaterial zur Ausstellung. Das 2. Modul erweitert und vertieft diese Erfahrungen durch Informationen zur Kolonialgeschichte und zur aktuellen Wirklichkeit Neukaledoniens. Das 3. Modul ist der Erarbeitung des Romans „Cannibale“ selbst gewidmet. Das 4. und das 5. Modul lenken über weiterführende Sachtexte historisch-politischen Inhaltes den Blick auf die Kolonialmacht Frankreich und ihr immenses Kolonialreich bis zum Ende des Algerienkrieges 1964, auf die Rassentheorien im 19. Jahrhundert und auf die Frankophonie heute.

Die Arbeit an dem Roman
Im Zentrum steht der Roman als „Schlüsseltext“. Um ihn den Schülerinnen und Schülern zugänglich zu machen, haben die Autorinnen des Unterrichtsmodells den durchlaufend, ohne Kapiteleinteilung geschriebenen Text in sinn-einheitenstiftende Kapitel unterteilt und durch Arbeitsanweisungen ergänzt, die die Lektüre vorbereiten, begleiten und nachbereiten. Aufgaben zur Inhaltsaufnahme, Analyse, Kommentierung und zur Förderung in allen Kompetenzbereichen werden ergänzt durch Arbeitsaufträge zum kreativen Umgang mit dem Text und zu weiterführenden Recherchen im Internet und zu Referaten über Kolonialismus, Frankophonie sowie auch zu der aktuellen Kontroverse in Frankreich über die positive und negative Rolle des Kolonialismus.

Ergänzende Texte und Materialien erleichtern das Verständnis befremdlicher Aspekte. Zur Sensibilisierung für Tabu-Verletzungen im Zusammenhang von Riten des Animismus und des Totenkultes durch weiße Menschen beispielsweise wird ein Gedicht des Dichters Birago Diop über das Weiterleben der Toten bereitgestellt.

Kreative Aufgaben, die u.a. das Verstehen fördern und der Verdeutlichung dienen, sind Nachstellen einer Szene in Form eines Standbildes, Rollenspiele, Umformung einer Textstelle in eine andere Textsorte (Dialog > Tagebucheintrag), Erfinden des Dialogs von zwei Besuchern des „Menschenzoos“, Nachvollzug des Weges durch Paris unter Hinzuziehung eines Stadtplans etc. Auch Szenen eines Comics zu dem Roman von Didier Daeninckx werden herangezogen sowie Karikaturen und (fakultativ) ein Spielfilm.

Diskussion
In der anschließenden Diskussion wurde die für Lehrkräfte bewegende Frage angesprochen, ob es angesichts der Vorgaben zur ZA in Nordrhein-Westfalen, die (anders als in Rheinland-Pfalz) für den Themenbereich Frankophonie den Fokus auf das Land Senegal lenken, sinnvoll und gerechtfertigt sei, den Roman „Cannibale“ mit seinem landeskundlichen Hintergrund Neukaledonien intensiv zu behandeln. In dieser kontroversen Diskussion wurde hervorgehoben, dass im Sinne des exemplarischen Arbeitens nach dem vorliegenden Unterrichtsmodell Kenntnisse zu wesentlichen Aspekten des Kolonialismus generell erworben würden. Vor allem auch seien die anregenden methodischen Hinweise zum Umgang mit einer Ganzschrift für alle Oberstufenkurse von Bedeutung. Für die konkreten landeskundlichen Zusammenhänge müssten die Lehrkräfte allerdings abwägen, wie sie mit den Vorgaben der ZA durch Modifikationen, Ergänzungen und Vergleiche umgehen könnten, bzw. ob sie es vorzögen, die wertvolle Anregung zur Lektüre von „Cannibale“ zurückzustellen, bis die konkreten Vorgaben zum ZA hierfür günstiger seien.

Dank
Frau Karwe und Frau Weiwad-Klenk wurde herzlich für die inhaltsreiche und weiterführende Veranstaltung gedankt. In den Dank einbezogen wurden auch die Vertreter der Verlagshäuser Schöningh, Herr Zoll, und Cornelsen, Herr Lohmann, sowie der französischen Buchhandlung Duisburg, Herr Donat, für die informative und hilfreiche Buchausstellung.

(Bericht: Dr. Ingeborg Christ)


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