Bericht über den 58. Arbeitskreis für Französischlehrkräfte (26. 1. 2017), L’Ecole c’est …

18. Februar 2017 AK Schule 0 Kommentare

L’Ecole c’est … Vergnügliches, Nachdenkliches, interkulturell Interessantes zu einem ewig jungen Thema

Referent: Otto-Michael Blume

Schule definierte der Referent Otto-Michael Blume als den zentralen Raum, in dem unsere Schülerinnen und Schüler sich auf das Leben als Erwachsene vorbereiten. Sie erfahren hier, so erläutert er, das gesellschaftliche Leben außerhalb des familiären Rahmens, hier erwerben sie Allgemeinbildung und für das Leben notwendige, auch interkulturelle Kompetenzen, von hier aus ergeben sich Orientierungen und Zielrichtungen für die Zukunft. In diesem von Herrn Blume umschriebenen Raum Schule verbringen Jugendliche 12-13 Jahre ihres Lebens, bis zur Hälfte ihres Tages, und dazu kommt die Beschäftigung damit auch in ihrer Freizeit, gedanklich, seelisch.

Dies ist so, seitdem es die Schulpflicht gibt. Jedes Kind, jede/r Jugendliche durchläuft die Schule, jede/r Erwachsene hat sie durchlaufen, alle sind gewissermaßen Experten für dieses Thema. Entsprechend viel wurde und wird über die Schule und das Leben darin geschrieben, in Deutschland wie in Frankreich, in literarischen und Sachtexten, Romanen, Novellen, Comics, Berichten, Stellungnahmen, Liedern, Gedichten, die uns seit Kindertagen begleiten und immer wieder auf uns zukommen. „Kann es denn noch Neues zum Thema geben?“, fragte der Referent in seiner Einleitung, um dann selbst das Thema Schule als „ewig jung“ zu bezeichnen.

L’ecole c’est …

Ausgehend von einer Definition von Schule unter der Fragestellung an die Schülerinnen und Schüler, was Schule für sie bedeute, können im Unterricht, ergänzt durch Texte, Bilder, Videos, Filme, Chansons, Stellungnahmen, Interviews, unterschiedliche Fassetten von Schule angesprochen werden. Zentrale Themen in der Textauswahl des Referenten waren Schulversagen, vor allem in den Problemzonen der Banlieue, sowie die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler, eine Beziehung, die problematisch sein kann, wenn es an Vertrauen mangelt, u.a.m.

L’Ecole vue par Cyprien

Zur Einführung in das Thema Schule machte der Referent einen äußerst vergnüglichen Vorschlag. Cyprien, Blogger, Humorist und Video-Künstler, stellt in einem etwa 4-minütigen Video vor, was ihn als Schüler an der Schule genervt hat. „Ce qui m’énerve à l’école?“ —. Kleine Dinge sind dies, die jeder kennt, man beschmutzt sich die Finger am Füller, beim Griff in das Federmäppchen trifft man auf den spitzen Zirkel, der Banknachbar verdeckt seinen Text, damit der Partner nicht abschreiben kann. Aber es gibt auch kurze Momente der Freude, nicht zuletzt, wenn eine Unterrichtsstunde ausfällt. Kleinigkeiten sind es, die nerven und die Cyprien mit köstlichem Humor vorträgt und illustriert. Am Ende steht seine Aufforderung, die ein Lehrer nicht besser formulieren könnte: „Et toi, qu‘est-ce que tu penses de l’école? Fais un petit commentaire“.

Das Berufsbild des/der COP

In interkultureller Perspektive ist die in Frankreich vom französischen Erziehungsministeriums (Ministère de l‘Education Nationale) eingeführte Funktion des oder der „COP“ von Bedeutung. Das Kürzel bedeutet „Conseiller/Conseillère d’Orientation psychologique“. Der Referent konkretisierte anhand von Videos und Selbstzeugnissen in Interviews die Arbeit dieser psychologischen Beraterinnen und Berater: Sie informieren in Klassen-, Gruppen- und Einzelgesprächen über berufliche Angebote und Perspektiven, sie sind darüber hinaus Zuhörer/in und Vertrauensperson, sie geben Vergewisserung bei Hoffnungen und Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen und versuchen, deren Begabungen zu erfassen und die manchmal diffusen Wünsche und Vorstellungen auf Möglichkeiten ihrer Verwirklichung hin abzutasten. Bei Schulversagen suchen sie die Gründe hierfür zu ermitteln, die zuweilen auch Rücksprache mit den Familien verlangen. Kritische, auch satirische Darstellungen, die es zu der Arbeit der „COP“ ebenfalls gibt, lassen erahnen, was bei solchen Beratungen auch falsch gemacht werden kann, wenn zum Beispiel die Orientierung nicht in der Perspektive der Jugendlichen erfolgt, sondern Verbiegen und Zwang hin zu vorgegebenen Richtungen bedeutet. Die von Herrn Blume vorgestellten Texte und Materialien, darunter der lohnende Kurzfilm Je suis orientée, enthalten eine Fülle von Anstößen zur argumentierenden und wertenden Auseinandersetzung mit diesem Berufsbild im französischen Schulwesen.

Schulversagen im RAP „Madame Pavoshko“

Black M (Künstlername, auch Black Mesrimes, von Alpha Diallo, dessen Eltern aus Guinea stammen) trägt in einem Video (auf YouTube) den Rap „Madame Pavoshko“ vor, in dem Vorurteile und mangelnde Empathie insbesondere der COP kritisch angesprochen werden. Dieser als Hörsehtext gedachte und von Herrn Blume entsprechend didaktisch aufbereitete RAP setzt Kenntnisse der Jugendsprache voraus, die er zum besseren Verständnis dem Material beigefügt hat. Es ging dem Referenten dabei weniger um ein genaueres Textverständnis – selbst Muttersprachler werden hier ihre Schwierigkeiten haben – als vielmehr um die durch die Bilder klar erkennbare Botschaft und die Motivation, die durch die sehr aktuelle und zum Mitsingen (z.B. des Refrains) anregende Musik gefördert wird. Black M ist nicht umsonst zur Zeit in Frankreich einer der großen Stars in der Zielgruppe collège/lycée. Eine Sequenz zum COP ließe sich auch gut im Rahmen einer Reihe zu Le monde du travail eingliedern, in der auch solche grundsätzlichen Aspekte wie gelungene Beratung eine Rolle spielen können..

Les Héritiers“ — ein Schulprojekt im Film

Der Film „Les Héritiers“ geht auf ein reales Schulprojekt zurück, das eine Lehrerin eines Collège in dem Pariser Vorort Créteil durchgeführt hat. Um ihre wenig motivierte Klasse emotional anzusprechen, führte sie mit den Schülerinnen und Schülern das schwerwiegende Projekt „Deportation und Ermordung jüdischer Kinder und Jugendlicher während der Zeit des Nationalsozialismus und der deutschen Besatzung“ durch. Das Thema war Gegenstand eines Schülerwettbewerbs, den das französische Erziehungsministerium ausgeschrieben hatte. Der Film zeigt, wie es der Lehrerin mit Geduld und Empathie gelang, die Jugendlichen über dieses schreckliche und ergreifende Thema aus ihrer geistigen und emotionalen Lethargie herauszuholen, wozu die Begegnung mit einem alten Herrn, der das Konzentrationslager überlebt hat, und der Besuch einer Museumsausstellung über diese Epoche entscheidend beitrugen.

Der Film und das Material fügen sich in die Themenbereiche Résistance und Collaboration sowie La Vie en Banlieue der Zentralen Abiturprüfung in NRW ein. Zur didaktischen Unterstützung der Arbeit mit dem Film verwies der Referent auf die informative und anregende Materialsammlung, die von Michael M. Kleinschmidt und Horst Walther unter dem Titel „Die Schüler der Madame Anne“ erstellt und vom Institut für Kino und Filmkultur e.V. im Jahr 2015 herausgegeben wurde. Das Material enthält u.a. viele Hinweise zu den filmischen Mitteln, Standfotos sowie auch die Analyse einer Filmszene. Zu bedenken ist allerdings, dass dem Filmheft die deutschsprachige Version des Films zugrundliegt. Der Referent empfiehlt, im Französischunterricht die französischsprachige Version einzusetzen, dann allerdings das deutschsprachige Material der Sammlung entsprechend anzupassen. In der Zeitschrift „Der Fremdsprachliche Unterricht Französisch“, H.138, S. 56 findet sich eine Besprechung des Filmheftes von Matthias Schmitz-Ahrenst.

Fazit

Die von Herrn Blume vorgestellten Texte und Zeugnisse machten deutlich, dass es für die Schülerinnen und Schüler lohnend ist, sich mit dem Thema „Schule/Ecole“ zu befassen. Sie werden, wie angekündigt, Vergnügliches, Nachdenkenswertes und interkulturell Interessantes erfahren können und dabei vergleichend ihre eigene Situation bedenken und diese vielleicht auch neu bewerten. Das inhaltsreiche Materialdossier, das der Referent dankenswerterweise zur Verfügung stellte, wird dabei eine große Hilfe sein. — Herrn Blume wurde für den äußerst anregenden und informativen Nachmittag, der bei einem bekannten Thema viele neue Perspektiven öffnete und eine Fülle didaktischer und methodischer Anregungen vermittelte, sehr herzlich gedankt.

(Bericht: Dr. Ingeborg Christ)


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