Bericht über den über den 52. Arbeitskreis vom 26. November 2015

15. Februar 2016 AK Schule 0 Kommentare

Bericht

über den 52. Arbeitskreis vom 26. November 2015

Le Sénégal – Anregungen zum Thema des Zentralabiturs 2017“

 

Kann ein Thema, das für viele Lehrkräfte Neuland ist und für das noch wenig speziell ausgearbeitetes Lehr-Lernmaterial vorliegt, Thema des Zentralen Abiturs sein? Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Lehrkräfte solche Herausforderungen zu meistern vermögen, dann  wäre dieser Arbeitskreis ein gutes Beispiel.

L’héritage colonial – le Sénégal en route vers le 21e siècle“, Abiturthema des Jahres 2017, stand im Mittelpunkt des 52. Duisburger Arbeitskreises für Französischlehrkräfte. Der Einladung in die Aula des St. Hildegardis-Gymnasiums folgten über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Planungen, Projekte, Materialsammlungen und auch Fragen mitbrachten und zur Diskussion stellten.  So kam ein prall gefülltes Programm zustande, und die Teilnehmenden konnten mit Text- und Bilddossiers, einer CD und vielen  Anregungen für den eigenen Unterricht nach Hause zurückkehren.

Unterrichtsmaterialien zu Senegal 

Der erste Teil der Veranstaltung bot Informationen über die curricularen Vorgaben (Waltraud Schleser in Vertretung von Ulrike Hebel) sowie  über vorliegende Materialien, Erfahrungen, Erprobungen und Lesefrüchte.  Michèle Heide machte den Auftakt mit der Vorstellung eines Dossiers aus Artikeln der Sprachzeitschrift ECOUTE über „Le Sénégal, pays de la „‘Téranga‘“, d.h. Land der Gastfreundschaft. Bereits im Vorfeld hatte sie auf eine Fernsehdokumentation in der Sendereihe „Echappées belles“ von  TV France 5 hierzu aufmerksam gemacht (https://youtube.com/senegal/pays-de-la-teranga). Ergänzt durch  Informationenvon Heike Frankrone ergab sich ein Überblick über Schwerpunkte, die den Unterricht über Senegal bestimmen und strukturieren können: Das Sénégal der Naturwunder, der Regionalparks und der Paläste aus der Kolonialzeit  (L’Ile Gorée und die alte Hauptstadt St. Louis), das die Touristen lieben; das Leben in der heutigen Millionen- und Hauptstadt Dakar mit ihrem Ring von „bidonvilles“; der  Existenzkampf der Fischer, der Reisbauern und der Menschen auf dem Land; die politischen, kulturellen und sozialen Nachwirkungen des europäischen und französischen Einflusses in der Geschichte bis heute; die Epoche der Sklaverei, die koloniale und die postkoloniale Zeit sowie die heutigen Bemühungen um demokratische Strukturen und Hoffnungen auf eine kulturell und wirtschaftlich autonome Zukunft; ethnische, politische, religiöse und ideologische Konflikte und schließlich das Problem der Emigration. Erinnert wurde auch an die Bewegung der „Négritude“ um den Dichter und späteren Präsidenten Sédor Senghor, dessen Gedicht „A mon frère blancWalter Weitz zusammen mit didaktischen Vorschlägen dankenswerterweise beisteuerte (ANHANG: fiche(…)élève; fiche (…) professeur).

Als ein Grundlagenwerk für die Hand der Lehrkraft wurde das Werk „L’Afrique subsaharienne“ (Autor: Manfred Overmann, Verlag Klett) vorgestellt (Ingeborg Christ). Es enthält eine Fülle von Sachinformationen, Text- Bildmaterialien und methodischen Anregungen und kann in seinem Aufbau („Les cadres géographique, démographique, linguistique – L’histoire de l’Afrique subsaharienne – Les traditions qui ne se perdent pas – Une modernité ambigüe) als Anregung zur Strukturierung des Themas für den Unterricht dienen.

Ergänzend erinnerte Ulrike C. Lange an das Themenheft „Frankophones Westafrika – zwischen Tradition und Moderne“ der Zeitschrift Französisch heute, Heft 1, 2013 (Mitherausgeberin U.C. Lange), dessen einleitender Überblicksartikel (Adelheid Schumann) eine Einführung in das frankophone Westafrika bietet mit Schwerpunkten wie Frankophonie, Koloniale, postkoloniale und neokoloniale Beziehungen zu Frankreich,  Veränderung traditioneller Strukturen der Gesellschaft, Landflucht, Migration, „Renaissance africaine“ und Text- und Materialvorschläge als „Schlüssel zum interkulturellen Verstehen“ enthält.

Walter Weitz, der aus einer Fortbildungstagung des Institut Français im „Deutsch-Französischen Kulturzentrum Essen“ eine Fülle von Anregungen weitergeben konnte, bot den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Zusammenstellung von Materialien, Texten und Bildmaterialien, die er in Form einer CD und einer Liste einschlägiger Internet-Adressen zur Verfügung stellte (ANHANG: Liste des liens). Wir danken Walter Weitz herzlich für diese nachhaltige Unterstützung.

Erfahrungen aus einem einjährigen Aufenthalt im Senegal

Einen  lebensnahen Beitrag zum Thema bot David Bieber, Lehrer an der Theodor-König-Gesamtschule in Duisburg-Beeck, der 2014/2015 als DAAD-Dozent für Deutsch an der Universität von Dakar wirkte. In einem Interview äußerte er sich zum alltäglichen Leben im Senegal, zum Bildungswesen, zur Bedeutung der deutschen Sprache, zum Problem der Bildungsunterschiede und zum Analphabetismus sowie auch zu der Frage, welche Bedeutung der Beschäftigung deutscher Schülerinnen und Schüler mit dem Senegal beizumessen sei und wie ihnen diese fremde Welt nahe gebracht werden könne (Matthias Schmitz-Arenst). David Bieber bot an, auf Wunsch für weitere Ausführungen zur Verfügung zu stehen, und er empfahl, in NRW lebende Senegalesen zur Mitgestaltung des Unterrichts bei diesem Thema einzuladen; er werde hierbei gern vermittelnd tätig sein.

 

Literarische Texte/Filme etc.

Die Referenten waren sich einig, dass die literarischen Texte des aktuellen Senegal Schlüssel zum Verständnis der für die Schülerinnen und Schüler fremden Welt bieten. Jürgen Donat präsentierte den Briefroman „Une si longue lettre“ der  vielfach preisgekrönten senegalesischen Autorin Mariama Bâ, der um das Thema Polygamie, Situation der Frau sowie Wandel und Bestand kultureller und gesellschaftlicher Traditionen kreist. Eine „fiche de lecture“ ist zu finden unter https://www2.bc.edu/~rusch/fiche.htm. Von besonderem Reiz war, dass der Referent ein Video ausfindig gemacht hatte, in dem junge Senegalesinnen ihre Lektüre des Romans in kurzen Stellungnahmen zum Ausdruck bringen. Für den Unterreicht ist dieses Video ergiebig als authentischer Hörtext in französischer Sprache, als Besprechung des Romans in der Perspektive junger Menschen sowie auch als Anregung, sich weiter über soziale und Bildungsfragen im Senegal zu informieren: https://www.youtube.com/watch2v=WByjbSP84Vs).

Sabine Krabiell, die nicht persönlich anwesend sein konnte, hatte einen Lektürevorschlag  eingereicht, den sie mit Erfolg im Unterricht erprobt hatte: Aminata Sow Fall: „La fête gâchée“. In: Les nouvelles du Sénégal, Editions Magellan & Cie, Collection Miniatures, Paris. Sie verwies auf eine „fiche pédagogique“ hierzu in „Le Français dans le Monde“, www.fdlm.org/…/FDLM374-03-2011-page_44.pdf sowie ein bewegendes Interview mit der Autorin unter dem Titel „Passion livre avec Aminata Sow Fall“ in: www.Youtube.com.

Walter Weitz stellte den Zeichentrickfilm und das dazu entstandene AlbumKirikou et la sorcière“ des in Guinea aufgewachsenen Zeichners und Filmemachers Michel Ocelot vor, ein für Kinder und Erwachsene gleichermaßen eindrucksvolles Kunstwerk. Der Referent deckte darin die universelle Struktur des Märchens, des „conte“, auf, die eng verwoben ist mit Bezügen zur afrikanischen Kultur wie Bedeutung des Wassers, Natürlichkeit bezüglich körperlicher Dinge (z.B. Geburt Kirikous auf offener Bühne sozusagen), Bedeutung von Aberglauben und Weisheit der Alten sowie traditionelle Freude an Farben und ornamentalen Formen.

Als weiteres Bilderbuch wurde auf das in deutscher und französischer Sprache im Schaltzeit-Verlag Berlin vorliegende kleine Werk „Les baobabs amoureux“ der in La Réunion aufgewachsenen Französin Maïwenn Vuittenez hingewiesen (Ingeborg Christ), das ggf. im Zusammenhang von Fragen der Wasserversorgung, der Fauna, der Ernährung eine liebenswürdige Fußnote in Form eines kleinen Schülerreferates bilden kann: der „Baobab“ als Lebensbaum, Emblem im Wappen Senegals.

Der literarische Teil der Veranstaltung wurde gekrönt und beschlossen von den Ausführungen von Otto-Michael Blume zu dem Roman „Le Ventre de l’Atlantique“ der senegalesischen Autorin Fatou Dioume. Dieses auf autobiographischen Erfahrungen beruhende Werk hat das auch für Deutschland aktuelle Problem der Emigration zum Thema. Die Hauptfigur Salie ist nach Frankreich ausgewandert und lebt in Strasbourg. Ihr Bruder Madické möchte ihr folgen, in der Hoffnung auf eine Karriere als Fußballstar in einem Frankreich, das er und seine Freunde sich in den wunderbaren Farben eines Traumlandes ausmalen. Salie hingegen kennt die Wirklichkeit der Emigration, die schwierige Situation  „anders“ zu sein, die Erfahrung von Armut in einer reichen Umgebung und auch von Rassismus. Sie kennt allerdings auch das als Druck empfundene Warten der zu Haus Gebliebenen auf finanzielle und materielle Zuwendungen. Die Schwester sucht den Bruder zu überzeugen, in seinem Land zu bleiben und sich dort eine Existenz aufzubauen statt den unrealistischen Traum vom Glück in der Ferne weiter zu spinnen.

Zur „methodisch-aktiven Erarbeitung einer Lektüre“, wie Otto-Michael Blume seinen Part konzipiert hatte, wurden zwei unterschiedliche Textauszüge zum Lesen aufgegeben und so verteilt, dass jeweils zwei Partner mit unterschiedlichem Text ihren Textauszug einander vorstellten. Es war dies ein Beispiel, wie auch im Unterricht die Lernenden aktiv einen Text erarbeiten können. Das Materialdossier „Splendeurs et misères de l’émigration“ das der Referent zur Verfügung stellte, enthält weitere Textauszüge, Analysen des Romans und Informationen über die Autorin.

Fazit

Die Frage, warum und wie Schülern das ferne Senegal nahe zu bringen sei, wurde in der Veranstaltung immer wieder berührt: Senegal betrifft als frankophones Land Frankreich und damit den Französischunterricht. Die koloniale und postkoloniale Vergangenheit und ihre Folgen und Nachwirkungen sind Teil der europäischen Geschichte und berühren damit uns und auch die Schule. Senegal ist auch ein Auswanderungsland, viele junge Menschen streben nach Frankreich und auch nach Deutschland als Aufnehmerland. Senegal kann exemplarisch für Probleme auch anderer Länder Afrikas stehen und ermöglicht, sich in diese Welt und ihre Probleme einzudenken. Senegal,  wie überhaupt Afrika, ist komplexer als das manchmal einseitige Armutsklischee dies vorgibt. Es ist ein Land vielfältiger kultureller Zeugnisse und auch der menschlichen Zugewandtheit und des Überlebenswillens, wie sich dies nicht zuletzt aus den erlebten Erfahrungen von David Bieber, aus den dokumentarischen Filmen und aus den literarischen Texten ergab, die, so wurde verschiedentlich festgestellt, durchaus auch von Humor der Autorinnen und Autoren zeugen.  Senegal wird von französischen und europäischen Kennern der Lage als Land der Hoffnung angesehen und als Land einer aufstrebenden Demokratie, das für sich Lösungswege in den aktuellen Krisen, die die Welt beunruhigen, zu finden sucht. Die Zugänge sind auch für Schülerinnen und Schüler möglich dank der in der Veranstaltung gegenwärtig gewordenen senegalesischen Literatur und in Filmwerken, die gerade die Fragen junger Menschen thematisieren und damit Möglichkeiten der Identifikation und der Empathie eröffnen.  — Abschließend darf gesagt werden, dass der Nachmittag gezeigt hat, wie sehr sich Lehrkräfte für Neues ansprechen lassen und eine große Vielfalt an Anregungen beizutragen vermögen.

Dank

Dank sei allen gesagt, die mit Referaten, Stellungnahmen und Interesse zur Erarbeitung des Themas beigetragen haben. Dank sei auch den vielen freundlichen Helferinnen und Helfern ausgesprochen, die ihrerseits zum Gelingen beitrugen: der Schulleiterin des St. HildegardisGymnasiums, die die Aula zur Verfügung gestellt und Claus Clemens, der die Vorbereitungsgespräche dort geführt hat, Klaus Jankus vom Vorstand der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg, der die Medien besorgte, sowie den Damen Dr. Dagmar und Erika Troost, die die Kontaktaufnahme der Teilnehmenden untereinander durch Erstellung von Namensschildern erleichterten und für das leibliche Wohl mit selbstgebackenem Gebäck und Mineralwasser  sorgten. Dank gilt nicht zuletzt auch Jürgen Donat für eine perfekt auf das Thema zugeschnittene Buchausstellung.

                                                                                    (Berichterstatterin:  Dr. Ingeborg Christ)


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