So viel Frankreich steckt in . . . Duisburg

11. Januar 2020 So viel Frankreich steckt in Deutschland 0 Kommentare

Die Journalistin, Bloggerin und Buchautorin Hilke Maunder. Foto: Thomas Müller | MUELLER-foto.com

Zum 70-jährigen Jubiläum der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg im Jahr 2020 treten wir mit einer großen Städteserie  auf die Bühne. Ihr Titel: “So viel Frankreich steckt in Deutschland”.
Bis zum Jahresende 2020 beschreibt die Journalistin und Buchautorin Hilke Maunder in 26 Städteportraits die  Spuren, die unser großer Nachbar Frankreich in Deutschland gesetzt hat und zum Teil noch immer setzt. Die Blog-Parade beginnt mit einem Blick auf  Duisburg.

 

Alle 14 Tage gibt es dann hier an dieser Stelle ein neues Stadtportrait. Dann heisst es immer wieder:  So viel Frankreich steckt in . . . Hamburg, . . .  München, . . . .Berlin, . . . Dortmund….
Zum Abschluss der Serie gibt die DFG Duisburg die komplette Textsammlung mit allen Links und Tipps als E-Book heraus. Gesponsert übrigens von dem Duisburger Unternehmen KROHNE MESSTECHNIK. 


So viel Frankreich steckt in . . . Duisburg


Foto: sten

1672 wachte d´Artagnan vom Schäferturm an der Obermauerstraße über sein Regiment der Musketiere. Die Truppen waren 1672 dabei, nach Flandern in den niederländisch-französischer Krieg zu ziehen und machten in Duisburg kurz Halt. Gut 350 Jahre nach dem Musketier des Sonnenkönigs ist es ein drall-starker, knallig bunter Franzose, der auf die Rheinmetropole blickt.

“Lebensretter” nannte die französische Bildhauerin Niki de Saint-Phalle ihre sieben Meter hohe Figur , an die sich eine kleine Figur klammert. “Pleitegeier” taufte der Volksmund die Skulptur, die auf einer rotierenden Plattform von Ehemann Jean Tinguely ruht.

Und wahrhaftig: Der Niedergang der Montanindustrie mit den einhergehenden sinkenden Gewerbesteuererträgen und steigenden Sozialabgaben traf das einst sehr monostrukturell geprägte Duisburg schwer.

Doch wie einst nach Napoleon und der Rheinlandbesetzung beweist auch heute Duisburg wieder einmal die Kraft zum Neuanfang und Aufschwung, diesmal dank Diversifikation, High-Tech-Zukunftsindustrien und Bildung.

Die Zwei-Stunden-Visite

Für Napoleon war Duisburg ein besonderer Ort. Am 3. März 1809 hatte er sich zum Herrscher über das Großherzogtum Berg ernannt. Amtssprache war fortan Französisch.

Nur ein einziges Mal hat der Kaiser der Franzosen die Stadt betreten. Bereits Tage zuvor hatten französische Gendarmen auf dem Weg zur Ruhr überwacht, dass die Hecken auch kurz genug geschnitten waren – aus Angst vor Attentätern.

Bänder in den Farben der Trikolore und Blumen schmückten die Fassaden und Ehrentore. Frischer Kies bedeckte die Straßen. Am 2. November 1811 schließlich trabte der Monarch im blauen Marschallsrock hoch zu Pferde mit großen Gefolge die Straßen von Duisburg entlang, hin zum Tabakfabrikanten Carl Friedrich Böninger.

Zwei Stunden lang diskutierte der mächtige Korse dort beim Frühstück mit örtlichen Honoratioren die Zukunft von Stadt und Uni. Duisburg hoffte auf Gewerbefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und Schutz des Eigentums und empfing den Kaiser mit offenen Armen.

Doch schon kurz darauf servierte ihnen Napoleon die Kontinentalsperre. Das Handelsverbot mit Großbritannien brachte den Schiffsverkehr auf dem Rhein und die Wirtschaft im Rheinland zum Erliegen.

Soldaten für Russland

Napoleon auf dem Rückzug (Gemälde von Adolph Northen) Foto: gemeinfrei.

1812 sollte schließlich auch Duisburg Soldaten für den großen Russlandfeldzug stellen. Die Mindestgröße: 1,54 m. Wer einen “remplaçant” fand, der für einen in den Krieg gen Osten zog, durfte daheim bleiben.

Wer die wachsenden Preise für solche Stellvertreter nicht zahlen konnte, floh, fälschte medizinische Atteste, oder schlug sich die Zähne aus – jene waren wichtig zum Aufbeißen der Patronenhülse.

Die Quote war hoch, die Napoleon von Duisburg für Russland forderte. Und nur wenigen Deserteuren gelang es, unterzutauchen und unentdeckt zu bleiben – trotz des Rückhalts in der Bevölkerung.

Nur zehn Prozent der 600.000 Soldaten der Russlandarmee Napoleons kehrten heim. Die anderen starben an Hunger, Kälte und Krankheiten wie Typhus, die von Läusen übertragen wurde. Eine Kugel tötete die wenigsten.

Marktvorteil: Code Civil

In der Heimat indes sorgten Napoleons administrative Reformen und die im Code Civil vereinten Rechtsvorschriften in Duisburg und anderen Orten des einstigen Kaiserreichs für deutliche Wettbewerbsvorteile bei der Industrialisierung.

1918 bis 1930 kehrten die Franzosen ins Rheinland zurück. 1921 besetzen französische und belgische Truppen Duisburg – und blieben  bis Herbst 1925. Benjamin Volff, ein französischer Historiker in Essen, hat jene Zeit zum Thema seiner Doktorarbeit gemacht.

Bei der Weltwirtschaftskrise schnellte die Arbeitslosenquote im größten Binnenhafen Europas auf 34,1 Prozent – Rekord im Deutschen Reich.

Im Zweiten Weltkrieg bescherte die Lage an der Mündung der Ruhr in den Rhein und die vielen Werke der Chemie-, Stahl- und Hüttenindustrie Duisburg 311 Bombenangriffe. Fast täglich ertönte der Luftalarm. Die “Area Bombing Directive” machte gezielt Jagd auf die Zivilbevölkerung und zerstörte das alte Duisburg.

Charles de Gaulle im Stahlwerk

Foto: thyssenkrupp Konzernarchiv, Duisburg

Mehr als vier Jahrhunderte war das deutsch-französische Verhältnis in Duisburg von Krieg und Konflikt geprägt. Im 20. Jahrhundert wurde ein denkwürdiger Herbsttag zum Wendepunkt. Am 6. September 1962 sprach Charles de Gaulle im Stahlwerk von Hamborn zu den Arbeitern.

Nach seinem ersten Auftritt in Bonn mit den berühmten Worten („ . . das große deutsche Volk, jawohl, das große deutsche Volk!“) kam der General am dritten Tag seines Staatsbesuches in Deutschland auf eigenen Wunsch in die Industriestadt Duisburg. Hier wollte er die einfachen Menschen, „die deutschen Arbeiter treffen“, die nicht die Politik gestalten, die sie aber tragen und verwirklichen müssen. Wie aber würden eben diese Menschen auf den besonderen Pathos von Charles de Gaulle reagieren?

„Die Tatsache, dass ich hier mit so viel Jubel empfangen werde, zeigt, dass unsere beiden Völker sich vertrauen“, sagte Frankreichs Staatspräsident.

1964 schloss Duisburg mit Calais die Städtepartnerschaft. Daraus erwuchs eine lebendige Freundschaft. Sport und Schule sind seit Beginn der Freundschaft zwischen Duisburg und Calais die Säulen der deutsch-französischen Partnerschaft.


Frankreich & Duisburg: was für Verbindungen!



Deutsch-Französische Gesellschaft Duisburg

Bereits 14 Jahre früher, bevor Duisburg seine Städtepartnerschaft mit Calais einging, gründete sich 1950 die Deutsch-Französische Gesellschaft Duisburg. Mit heute 200 Mitglieder gehört sie zu den größten und aktivsten innerhalb der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa e.V. 22 Jahre, von 1999 bis 2019, hatte der Duisburger Alt-Oberbürgermeister Josef Krings die DFG als Ehrenvorsitzender begleitet. Im vergangenen Herbst 2019 ist er im Alter von 93 Jahren verstorben.
*www.voila-duisburg.de

EURO ROCK

Bericht über Euro Rock 2015 in “CALAIS NORD LITTORAL”

1993 lud Peter Bursch Rockbands aus Europas Städten, zehn Tage lang gemeinsam zu proben und aufzutreten. Das Besondere dabei: Die ursprüngliche Besetzung der Band löst sich auf; jeder Musiker spielt im Laufe des Festivals in einer neuen Band, improvisiert und komponiert – und tritt mit der neuen Formation vor das Festivalpublikum.

Musiker und professionelle Band-Coaches wie Micki Meuser von DIE ÄRZTE leben und arbeiten gemeinsam, übernachten n einer Sportunterkunft im Duisburger Norden und rocken das Parkhaus von Meiderich, das als Basis dient.

Seminar und Konzert, Begegnung und Austausch verbinden sich so bei EURO ROCK zu einem einzigartigen Jugendfestival. 2019 feierte es seinen 25. Geburtstag. Mit dabei sind immer Musiker und Bands aus Duisburgs Partnerstädten Calais, Portsmouth und Vilnius.

*http://www.euro-rock.de

Duisburger Musketiere e.V.

Die berühmte Leibgarde des Sonnenkönigs und seine berühmten Musketiere inspirierten diese Duisburger Karnevalsgarde.

1672 hatten die Truppen des Sonnenkönigs auf dem Weg nach Holland in Duisburg Halt gemacht. Ludwig der XIV. hatte 1660-1690 mehrere Schlachten am Niederrhein und den Niederlanden geführte. Von September 1672 bis Juni 1673 hielt Marshall Turenne mit seinen Truppen Duisburg besetzt.

Zu ihnen gehörten auch die Musketieren. Berühmtester Soldat des Königs war Kapitän d’Artagnan. Er fiel am 20. Juni 1673 beim letzten Angriff auf Maastricht. Seit 1998 setzen die tanzenden Jecken im schmucken Gewand von d’Artagnan und Co. neue Aspekte im Duisburger Karneval.
www.duisburger-musketiere.de

Mercator-Gymnasium

Monsieur Kleiber, Deutschlehrer am Lycée Pierre Loti, und sein Kollege Strassburger aus Duisburg hatten nach dem Elysée-Vertrag von 1963 eine gemeinsame Vision: Schüleraustausche. 1967 kam eine Klasse aus Rochefort erstmals nach Duisburg, 1968 erfolgt der Gegenbesuch in Rochefort. Beim Strandfußball begann die Freundschaft.

50 Jahre später haben je 1500 Schüler die Freunde in Frankreich bzw. Deutschland besucht. Und inzwischen gibt es auch Paare, die dank des Austausches zusammengefunden haben. Und Nachwuchs, der wieder dabei ist beim Austausch…
www.mercator-gym.de

Steinbart Gymnasium

Gleich drei Schulen in zwei Städten bietet das Steinbart-Gymnasium als Sportschule NRW an. Bereits seit 1967 fahren in  jedem zweiten Frühjahr deutsche Schüler der Jahrgangsstufen 8 und 9 gemeinsam nach Rochefort. Auf Duisburger Seite kooperiert das Steinbart-Gymnasium dabei seit vielen Jahren mit dem Mercator-Gymnasium. In Calais sind seit dem Schuljahr 2017/18 das Collège Jean Jaurès und das Collège République Austauschpartner.
www.steinbart-gymnasium.de

Landfermann Gymnasium

Das im 13. Jahrhundert gegründete Landfermann-Gymnasium ist die älteste Schule von Duisburg. Ihr Leitbild lautet: „Aus Tradition die Zukunft gestalten“. Und wie diese gelingen kann, zeigt die Europaschule seit gut 15 Jahren auch beim Projekt Praxis, dem deutsch-französischen Austausch von Schulpraktikanten.

So haben inzwischen Schüler des Lycée La Prat’s in Cluny in Duisburg Berufspraktika bei den Hotels Mercure und Regent, beim Tiergnadenhof,  dem Theater an der Ruhr, in der Buchhandlung Donat, im Blumenladen Pusteblume und bei Siemens gemacht, und Schüler aus Duisburg bei den Partnern der Schule im Burgund.
https://landfermann.de

St. Elisabeth

Das Kopfreliquiar des heiligen Marsus im Essener Domschatz (15. Jahrhundert)

Überraschend selten haben Kirchengemeinden Partnerschaften in Frankreich geknüpft. Eine der wenigen ist die Duisburger St. Elisabeth-Gemeinde, die bereits seit 1951 mit  der Pfarrei Saint-Marse in Auxerre im Burgund verbunden ist. Die Freundschaft, die Abbé Henri Rivière und sein deutscher Partner, Pfarrer Heinrich Konermann, begonnen haben, ist inzwischen ein Markenzeichen der Gemeinde und lebt durch jährliche Austausche und Besuche.

Bindeglied beider Kirchen –- und des Bistums Essen – ist der Heilige Marsus, im 3. Jahrhundert Priester und Missionar in Gallien. Kopf und Brust des Heiligen gelangten um das Jahr 1000 an das Essener Frauenstift. Doch gab Äbtissin Mathilde für die hochverehrten Reliquien einen goldenen und mit Edelsteinen besetzten Schrein in Auftrag.

1794 wurde der Marsusschrein vor den französischen Revolutionstruppen in Sicherheit gebracht. Um ihn dabei besser verstecken zu können, wurde er auseinander genommen. Doch das erneute Zusammenfügen misslang. Kurzerhand  wurden die Metallteile eingeschmolzen – und ein Juwel ottonischer Goldschmiedekunst für immer zerstört. In St. Elisabeth jedoch ruht noch immer eine Reliquie von Marsus im Altar.
https://kk-neudorf-duissern.de

Sportaustausch mit Calais

Sport verbindet: Das beweist Duisburg seit 40 Jahren. Bereits 1977 war die Idee auf einer gemeinsamen Sitzung der Duisburger und Calaiser Stadtvertreter unter Leitung des damaligen Bürgermeisters Friedel Genender geboren worden. Mit dabei war damals auch Bernhard Böhme, der bis zu seinem Tod 2013 fast alle Austausche betreute. 1980 fanden in Calais die ersten „Gemeinsame Sporttage“ statt.

80 Sportler aus Duisburg maßen sich damals bei Basketball, Schießen, Schwimmen, Tischtennis, Turnen und Volleyball mit ihren Partnern aus Calais. Wichtiger als der Einzelsieg war und ist dabei bis heute das  Miteinander und die Freundschaft. Mehr als 10.000 junge Menschen aus Duisburg und Calais haben inzwischen beim Sportaustausch mitgemacht.

Bernhard Böhme, der von 1974 bis 1988 beruflich im Dienste der Stadt Duisburg die Städtepartnerschaft betreut hatte, beantragte auch erfolgreich die Namensgebung des Calais-Platzes in Duisburg und stellte sich bis 2005 als ehrenamtlicher Übersetzer bei den jährlichen Treffen der Sportler aus den beiden Partnerstädten zur Verfügung. www.ssb-duisburg.de

Buchtipp

Galadio (ein Roman von Didier Daeninckx )

Duisburg um 1930: Ulrich Ruden gerät in Schwierigkeiten, als die Nazis an Macht und Einfluss gewinnen. Denn der 13-Jährige, der bei seiner alleinerziehenden Mutter in Duisburg-Ruhrort aufwächst, ist farbig – und Sohn eines französischen Soldaten, der während der Rheinland-Besetzung dort stationiert gewesen war.

Plötzlich ist Ruden eine “schwarze Schande”. Und kann sich nur retten, weil er in den Filmstudios der UfA in Babelsberg bei Berlin als Komparse in Propagandastreifen auftreten muss. Währen der Dreharbeiten in Afrika setzt er sich ab und beginnt die Suche nach seinem Vater. Auf dem Niger fährt er nach Mopti, dem Heimatdorf seines Vaters. Dort  entdeckt er die zweite Facette seines Wesens: Galadio.


Die DFG Duisburg ist für die Übersetzung des Romans “Galadio” von Didier Daeninckx mit dem 1. Preis des Prix Rovan des Französischen Botschafters und mit dem Label “Duisbourg en français – Duisburg auf Französisch” des Institut Français ausgezeichnet worden, der Magenta-Verlag Krefeld hat die deutsche Fassung als Buch herausgebracht. 



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