Ein Leben gegen den Rassismus: Zum Tod von Theodor Michael

22. Oktober 2019 Top-Nachricht 2 Kommentare
Der deutsche Schauspieler, Journalist und Zeitzeuge des Nationalsozialismus Theodor Wonja Michael verkörperte die Geschichte der Schwarzen in Deutschland im 20. Jahrhundert. Nun ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.

Der deutsche Schauspieler, Journalist und Zeitzeuge des Nationalsozialismus Theodor Wonja Michael verkörperte die Geschichte der Schwarzen in Deutschland im 20. Jahrhundert. Nun ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.


Von Stefan Endell


Theodor Michael hat als Zeitzeuge real das erlebt, was der französische Schriftsteller Didier Daeninckx in seinem Roman mit der fiktiven Figur Galadio in Duisburg-Ruhrort beschreibt.

Beide – Theodor Michael und Didier Daeninckx – waren schon Gäste der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg. Ein sprachkundiges Team von Übersetzern rund um die Präsidentin der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg hat im Jahr  2017 den Roman “Galadio” von Didier Daeninckx ins Deutsche übersetzt.  


In Duisburg kennt man die literarische fiktive Figur Galadio des französischen Schriftstellers Didier Daeninckx – Galadio, geboren als Urich Ruden im Jahr 1922, erlebt er als Jugendlicher den Aufstieg der Nationalsozialisten und die zunehmenden Repressionen gegenüber nicht erwünschten Minderheiten, Religionsgruppen und Rassen, zu denen er als dunkelhäutiger Junge gehört.

In seiner Heimat Ruhrort lebt er allein mit seiner deutschen Mutter und er gerät wegen seiner dunklen Hautfarbe in die Mühlen der NS-Verfolgung. Ein rettender Zufall führt ihn in die Filmstudios der UfA nach Potsdam-Babelsberg, wo er als Komparse in NS-Propagandafilmen auftreten muss. Dreharbeiten in Afrika nutzt er zur Flucht und macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Eine fiktive Geschichte mit tragisch realem Hintergrund.


Theodor Wonja Michael 
wurde 1925 in Berlin als jüngster Sohn des Kameruner Kolonialmigranten Theophilius Wonja Michael und dessen deutscher Ehefrau Martha (geb. Wegner) geboren. Er hatte drei Geschwister: James (* 1916), Juliana (* 1921) und Christiana.

Als seine Mutter 1926 starb, wuchs er als Halbwaise bei Pflegeeltern auf, die Betreiber einer Völkerschau waren und ihn dort ab 1927, zweijährig, als Komparsen einsetzten. 1934 starb sein Vater und die Geschwister wurden getrennt. Obwohl er die Volksschule 1939 abschloss, konnte er aufgrund der Nürnberger Rassengesetze keine Ausbildung beginnen.

Er arbeitete zunächst als Portier in einem Berliner Hotel, wurde aber aufgrund einer Beschwerde eines Gastes über seine Hautfarbe entlassen. Sein deutscher Pass wurde ihm aberkannt und er wurde staatenlos. In die Wehrmacht wurde er aufgrund seiner Hautfarbe nicht eingezogen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Zirkusdarsteller und als Komparse in Kolonialfilmen der UFA. Bis 1942 entstanden im Auftrag des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda etwa 100 Kolonialfilme, die die deutsche Kolonialzeit glorifizierten.

Die Filme wurden in Deutschland mit schwarzen Darstellern gedreht und boten schwarzen Deutschen und afrikanischen Migranten Beschäftigung und Schutz vor Verfolgung. Auch Kriegsgefangene wurden eingesetzt.

Theodor Wonja Michael

Wir waren die Mohren, die man da brauchte. Für uns war das eine Existenzfrage.“

 

 

 

 

Über die Intention der Filme war sich Theodor Michael im Klaren: „Wir waren die Mohren, die man da brauchte. Für uns war das eine Existenzfrage.“ Er spielte außerdem in dem Film Münchhausen (mit Hans Albers u. a.) eine kleinere Statistenrolle. 1943 wurde er zur Zwangsarbeit verpflichtet und bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Mai 1945 in einem Arbeitslager in der Nähe von Berlin interniert.

Nach 1945 arbeitete er als Zivilangestellter bei den US-amerikanischen Besatzungstruppen und übernahm Rollen als Schauspieler. Er holte das Abitur nach und studierte u. a. Politikwissenschaften in Hamburg und Paris mit Abschluss als Diplom-Volkswirt. Zu seinen akademischen Lehrern gehörte Ralf Dahrendorf. Danach arbeitete er als Journalist und wurde Chefredakteur der Zeitschrift Afrika-Bulletin.

Auch war er u. a. Regierungsberater der SPD, Lehrbeauftragter für die Deutsche Stiftung für Internationale Zusammenarbeit und Beamter beim Bundesnachrichtendienst. Außerdem übernahm er qualifizierte Schauspielrollen in Theater, Film, Fernsehen und Radio.


 

 

 


2 Kommentare

  1. Jürgen on said:

    Ich erinnere mich gut an diesen bewegenden Abend, als Theodor Michael in Duisburg über sein Leben sprach. Er war unglaublich, mit welcher Sanftmut er über schlimme Zeiten spach, aber auch über das Glück, nach dem Krieg wichtige Funktionen ausüben zu dürfen. Mein aufrichtiges Beileid gilt der Familie.
    Wer mehr lesen möchte: Soeben ist die Neuauflage seines Buches “Deutsch sein und schwarz dazu” bei dtv erschienen. Der Klappentext endet mit dem Satz: “Wann endlich wird man meine Enkel nach ihrem Charakter beurteilen und nicht nach ihrer Hautfarbe?”

    • Christ, Ingeborg on said:

      Ingeborg

      Wie Jürgen habe ich an der Veranstaltung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg mit Theodor Michael teilgenommen und war tief beeindruckt vom Lebensbericht dieses Mannes und seinem bewegenden Vortrag. Man war als Zuhörer/Zuhörerin betroffen, konkret zu erfahren, was Menschen Menschen antun können, aber auch irgendwie erleichtert, dass er im späteren Leben hohe Anerkennung erfuhr und gern in Deutschland lebte. Ich bin traurig zu erfahren, dass er verstorben ist und glücklich, dass ich seinen Abend bei uns und mit uns erleben durfte.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.