Mme de Staël – die Frau, die den Franzosen Deutschland erklärte

2. September 2020 Top-Nachricht 0 Kommentare
Die Referentin: Dr. Anja Ernst (Universität Bonn). ©DFG Duisburg/Stefan Endell

(Duisburg, 2. September 2020). Sie ist wieder da: Die Deutsch-Französische Gesellschaft Duisburg mit veritablen Präsenz-Veranstaltungen – so zum zweiten Mal nach dem strikten Corona-Lockdown – am 2. September 2020, in der VHS an der Steinschen Gasse.


Von Stefan Endell


Dort als Kooperations-Veranstaltung von VHS Duisburg und DFG Duisburg mit einem echten Klassiker der deutsch-französischen Kulturgeschichte: Einem Vortrag über eines der bedeutendsten und umstrittenen Bücher des 19. Jahrhunderts: „De l’Allemagne, Über Deutschland“.  Die Autorin war die Schriftstellerin Germaine de Staël , eine einflussreiche, emanzipierte Frau und eine Gegnerin Napoleons.

All dies und noch viel mehr erfuhren die Besucher dieser Veranstaltung aus dem Munde von Dr. Anja Ernst*, Romanistin der Universität Bonn, Redakteurin, Autorin und Herausgeberin, die in einem klugen wie auch zuweilen amüsanten Vortrag ihrem Duisburger Publikum von der viel gereisten Kosmopolitin Germaine de Staël berichtete, die ihren französischen Landsleuten zeigen wollte, dass Deutschland, dieses politisch rückständige, zersplitterte Land, dennoch eine vielfältige und reiche Kultur vorzuweisen hatte und deutsche Literatur und Philosophie vorbildlich seien.

In einem gut einstündigen illustrierten Vortrag zeichnete die Wissenschaftlerin von der Bonner Universität ein buntes, breites, aber wohlverständliches Mosaik von der bewegten Ausgangssituation einer hochgebildeten Pariser Salondame im nach-revolutionären Frankreich, die in Ungnade von Kaiser Napoléon fiel, dem sie doch zuvor sogar noch eindeutige Avancen gemacht hatte – der sie aber 1803 aus Paris verbannte. Sie musste die Stadt innerhalb von 24 Stunden verlassen und durfte sich der Metropole  nur noch in einem Umkreis von 40 Meilen nähern. Darauf unternahm sie ihre erste Reise nach Deutschland im Herbst/Winter 1803/04. Diese dauerte ca. 6 Monate. Die zweite Reise nach Deutschland unternahm sie 1807/08.

Beides waren fruchtbare Entdeckungsreisen, die am Ende zu einer in ganz Europa erfolgreichen, viel gelesenen Reportage über Sitten, Gebräuche, Landschaften, aber auch die Kultur und die Philosophie des Nachbarn auf der anderen Seite des Rheines mündete.

Mme de Staël – so berichtete Dr. Anja Ernst ihrem Duisburger Publikum, das aufmerksam lauschte – zeichnete ein durchaus subjektives Bild von Deutschland, doch gerade mit diesem persönlichen Blick und ihrer Emotionalität sowie in der pointierten Gegenüberstellung der beiden Länder habe der Reiz ihres Werks gelegen.

Die Deutschen? Richtig gut kommen sie erst einmal nicht weg. Sie sind de Staël zufolge aufrichtig und treu, bieder und sehr langsam, trinken aber in überheizten, vollgequalmten Räumen literweise Bier und raffen sich nur allzu ungern zu Entscheidungen oder gar Abenteuern auf. Deutschland –  “Herz von Europa” – sei das schiere Gegenbild ihrer Heimat: Frankreich war demnach militaristisch, Deutschland friedliebend. Frankreich ließ sich von Napoleon unterjochen, in Deutschland waren zumindest die Gedanken frei.

Kein Wunder, dass Napoleon ihr Buch 1810 samt und sonders einstampfen ließ und dass es erst 1813 über große Umwege in London dann auf dem Markt erschien. Schnell war die erste Auflage vergriffen, innerhalb weniger Wochen wurden in ganz Europa etwa 70.000 Exemplare verkauft. Ein Jahr später, im Mai 1814, nach dem Sturz Napoleons, kehrte Staël zurück nach Paris und veröffentlichte ihr Buch auch in Frankreich und Deutschland.

Doch Heinrich Heine, so schloss die Referentin, spottete später über das Buch: Die gute Dame sah bei uns nur, was sie sehen wollte: ein nebelhaftes Geisterland, wo die Menschen ohne Leiber, ganz Tugend, über Schneegefilde wandeln und sich nur von Moral und Metaphysik unterhalten!”

Ein wunderbarer Vortrag, zu dem die VHS und die Deutsch-Französische Gesellschaft Duisburg geladen hatten. Das Publikum dankte mit großem Applaus und manchen Nachfragen.  (sten)


*Dr. Anja Ernst promovierte mit Formen des Sprachbildes. Bildliche und bildhafte Inszenierungsstrategien in Gustave Flauberts Madame Bovary und Salammbô an den Universitäten Bonn und Paris-Sorbonne (cotutelle de thèse). Studium der Romanistik, Germanistik und Rechtswissenschaft in Bonn und Brüssel; Prix de la République Française für die Magisterarbeit über die Metapher und den Vergleich bei Flaubert.

Sie ist wissenschaftliche Redakteurin, Autorin und Herausgeberin literaturwissenschaftlicher Sammelbände, u.a. mit Paul Geyer: Deutschlandbilder aus Coppet: zweihundert Jahre De l’Allemagne von Madame de Staël (Hildesheim: Olms 2015) und war als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Klassische und Romanische Philologie (Abteilung für Romanistik) der Universität Bonn tätig.

Sie lebte mehrere Jahre in Paris, wo sie an der Sorbonne promovierte und u.a. für das Pariser Goethe-Institut als freie Redakteurin arbeitete. Vortragstätigkeiten im In- und Ausland. Zuletzt erschien ihr Beitrag zum Thema „Authentizität in der Fremde. Madame de Staëls Annäherung an Deutschland“ (hg. v. Brunhilde Wehinger: Germaine de Staël. Eine europäische Intellektuelle zischen Aufklärung und Romantik, Berlin: Edition Tranvía, Verlag Walter Frey 2019).


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