Die Journalistin Katja Petrovic hat für die DFG Duisburg im Café Museum die Machtstrukturen der französischen Medienlandschaft analysiert. Foto im Hintergrund: der Multi-Milliardär und Medien-Mogul Vincent Bolloré. (Foto: Stefan Endell/DFGDU). 

(Duisburg.) Frankreich gilt traditionell als Land einer vielfältigen Presselandschaft. Doch hinter dieser Vielfalt verbirgt sich zunehmend eine starke Konzentration von Medienmacht in den Händen weniger vermögender Unternehmer. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben mehrere Milliardäre zentrale Teile der Medienlandschaft übernommen – mit weitreichenden Folgen für Meinungsvielfalt und demokratische Debatten. Dies war das Thema, zu dem die deutsche Journalistin Katja Petrovic der DFG Duisburg einen hochinteressanten Vortrag gehalten hat. 

Ein Oligopol der Information

Zu den prägendsten Figuren – so zeigte Katja Petrovic in einer Präsentation auf – gehören Unternehmer wie Vincent Bolloré, Bernard Arnault und Patrick Drahi. Sie kontrollieren jeweils umfangreiche Medienportfolios – von Fernsehsendern über Zeitungen bis hin zu digitalen Plattformen.

  • Bolloré steht hinter dem Medienkonzern Vivendi und hat großen Einfluss auf Sender wie CNews. Er unterstütze, so Pertovic, das rechtsradikale Rassemblement National von Marine Le Pen und bringe alle seine Redaktionen und Sender entsprechend auf Linie. Zuletzt das öffentliche Zerwürfnis um den Verlag Grasset, dem 200 Autoren den Rücken kehren wollen, weil Bolloré hier das Regiment ergreift.
  • Arnault, CEO von LVMH, besitzt u. a. die Wirtschaftszeitung Les Échos und Le Parisien. Arnaud sei stark konservativ, so Petrovic, aber nicht derart massiv einschneidend wie Bolloré. Dennoch seien auch seine Redaktionen nicht unabhängig.
  • Drahi kontrolliert über Altice den Sender BFMTV sowie mehrere Zeitungen.

Diese Konzentration führe nach Darstellung der Referentin dazu, dass ein erheblicher Teil der öffentlichen Information von einer kleinen wirtschaftlichen Elite gesteuert werde.

Interessant auch: Wem gehört denn heute eigentlich LE MONDE, das links-liberale Schlachtschiff der öffentlichen französischen Meinung? Antwort: Bei der französischen Tageszeitung “Le Monde” haben sich klammheimlich die Besitzverhältnisse geändert. Neuer Alleinherrscher ist Xavier Niel. Der gewiefte Geschäftsmann und Besitzer des Mobilfunkkonzerns Free (vom Sexshop-Besitzer zum Telekom-Milliardär) hat Ende 2021 die Anteile von Matthieu Pigasse für 30 bis 40 Mio. Euro übernommen und damit seinen Anteil auf 50 Prozent hochgeschraubt.

Medien als strategisches Instrument

Die Übernahmen folgen selten rein wirtschaftlichen Interessen. Medien werden zunehmend als Instrument politischer und gesellschaftlicher Einflussnahme verstanden. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Bolloré, dessen Sender CNews eine klar konservative bis rechtsgerichtete Linie verfolgt.

Kritiker sprechen hier von einer „Monopolisierung der Meinungsmacht“, bei der redaktionelle Unabhängigkeit unter Druck gerät. Journalisten berichten immer wieder von Eingriffen in Inhalte oder strategischen Neuausrichtungen nach Eigentümerwechseln.

„Monopoly“ der Medienhäuser

Ein auffälliges Muster ist der wiederholte Weiterverkauf von Medien innerhalb dieses kleinen Kreises. Titel wechseln zwischen Investoren, Beteiligungen werden getauscht oder gebündelt – ein Prozess, der oft eher an ein strategisches Spiel erinnert als an klassische Medienökonomie.

Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit

Die zentrale Frage lautet: Wie unabhängig kann Journalismus sein, wenn er von wenigen Superreichen finanziert wird?

Zwar sichern diese Investoren häufig das wirtschaftliche Überleben angeschlagener Medienhäuser. Gleichzeitig entsteht jedoch ein strukturelles Abhängigkeitsverhältnis. Kritische Berichterstattung über die Eigentümer oder deren Interessen finde nicht statt bzw. werde erschwert.

Frankreich steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, die auch in anderen Demokratien zu beobachten ist: Medienvielfalt, so Katja Petrovic, existiere formal – wenn man auf einen Zeitungsstand am Bahnhof schaue, bekomme man das Bild von scheinbarer Vielfalt. Doch die Kontrolle über die Medien – Print, TV, Radio und Digitales – konzentriere sich zunehmend. Die französische Medienlandschaft wirke auf den ersten Blick pluralistisch, sie sei jedoch stark durch ökonomische Machtstrukturen geprägt. Wenn wenige Milliardäre in unserem Nachbarland über zentrale Informationskanäle verfügen und diese untereinander verschöben, verändere sich die Rolle der Medien: weg von unabhängigen Beobachtern – hin zu strategischen Instrumenten im Machtgefüge von Wirtschaft und Politik.

Eine differenzierte Berichterstattung über den Nachbarn Deutschland komme, so Katja Petrovic (Foto), in den französischen Medien – sei es Print, TV oder digital – kaum vor.

Ein wenig “Mutti-Merkel” oder “Olalaf Scholz” – so richtig tief und hintergründig ist der französische Presse-Blick auf Deutschland nicht. Es interessieren sich, so Petrovic, nicht wirklich viele Franzosen mehr für Deutschland.

Laut einer aktuellen Umfrage hätten sogar mehr als 50 % der Franzosen ein “eher negatives Bild von Deutschland”. Entsprechend dürftig das Echo in den privatwirtschaftlichen Medien Frankreichs, die ohnehin eigentlich nur aufs eigene Land blicken und dort politisch massiv Einfluss nehmen wollen.

(Text und Fotos: Stefan Endell).

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