
Zum Rathaus-Empfang der Stadt Duisburg und der DFG Duisburg am Deutsch-Französischen Tag (22. Januar) sprach Oliver Keymis, ehemaliger Vizepräsident des Landtags NRW und profunder Kenner der französischen Gesellschaft. Foto: Stefan Endell/DFG Duisburg.
(Duisburg, 23.1.2026). Zum Rathaus-Empfang der Stadt Duisburg und der DFG Duisburg am Deutsch-Französischen Tag (22. Januar) sprach Oliver Keymis, ehemaliger Vizepräsident des Landtags NRW und profunder Kenner der französischen Gesellschaft.
Fünf zentrale Themen des Vortrags
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Deutsch-französische Freundschaft als Fundament Europas
Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich ist die tragende Säule des europäischen Friedens- und Integrationsprojekts. -
Frieden durch Dialog, nicht durch Illusionen
Friedenspolitik erfordert Dialogbereitschaft, Verteidigungsfähigkeit, Abrüstungswillen und realistische Diplomatie. -
Historische Führung: Adenauer und de Gaulle als Maßstab
Politischer Mut, persönlicher Dialog und konkrete gemeinsame Projekte schufen nachhaltige europäische Stabilität. -
Versäumnisse der Gegenwart: Europas Selbstentmündigung
Europa bleibt außen- und sicherheitspolitisch zu zögerlich und überlässt zentrale Entscheidungen anderen Mächten. -
Kultur- und Zivilgesellschaft als unterschätzte Machtfaktoren
Goethe-Institute, Jugendaustausch und Bürgerfonds sind strategische Instrumente – ihre Schwächung ist ein politischer Fehler.
Oliver Keymis ordnet seinen Vortrag in eine Zeit globaler Krisen, wachsender Gewalt und politischer Verunsicherung ein. Der weit verbreitete Wunsch nach Frieden dürfe nicht mit Naivität verwechselt werden: Frieden brauche Dialogfähigkeit, Verteidigungsbereitschaft, Abrüstungswillen und aktive Diplomatie. Gerade daran – so behauptet Keymis – fehle es aktuell in Europa.
Die deutsch-französische Freundschaft beschreibt Keymis als den historischen und politischen Kern des europäischen Friedensprojekts. Ohne die Aussöhnung nach 1945 wäre das heutige Europa nicht denkbar. Maßgeblich hierfür sei die persönliche Annäherung zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle gewesen, symbolisiert durch ihr erstes Treffen 1958 in Colombey-les-Deux-Églises. Anhand einer zentralen Szene aus dem Film „An einem Tag im September“ verdeutlicht Keymis, wie Dialog, gegenseitiger Respekt und konkrete gemeinsame Projekte zur Grundlage einer dauerhaften Partnerschaft wurden – mit Abrüstung, Außenpolitik, Wirtschaft und Kultur als gleichrangigen Säulen.
In der Gegenwart diagnostiziert Keymis eine zunehmende außen- und sicherheitspolitische Schwäche Europas. Während Frankreich stärker auf strategische Eigenständigkeit dränge, zögere Deutschland und verlasse sich weiterhin auf die USA. Initiativen zu Dialog und Diplomatie würden vorschnell diskreditiert, Europa bleibe oft Zuschauer.
Den Deutschen muss man verstehen, um ihn zu lieben. Den Franzosen muss man lieben um ihn zu verstehen. (Kurt Tucholsky).
Besonders kritisch bewertet Keymis die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Die Schließung mehrerer Goethe-Institute, auch in Frankreich, sei ein kulturpolitischer und strategischer Fehler. Kulturpolitik sei das „dritte Standbein“ der Außenpolitik; ihr Rückzug untergrabe Vertrauen, Präsenz und langfristige Bindungen. Bundeskanzler Merz habe als Regierungschef das Versprechen schon wieder gebrochen, was er als Oppositionsführer noch gegeben habe: Nämlich die Anzahl der Goethe-Institute in der Welt nicht zu verringern. Keymis: “So etwas schafft große Verdrossenheit der Menschen gegenüber Politik!”
Dem stellt er die Stärke der Zivilgesellschaft gegenüber: Städtepartnerschaften, Schüler- und Jugendaustausch sowie Vereine trügen die deutsch-französische Freundschaft im Alltag. “Persönliche Begegnungen sind der Kern, die Basis für das gegenseitige Verstehen und Verständnis für einander!” Solche Austauschprogramme seien deshalb elementar. Doch diese Basis werde politisch unzureichend unterstützt. Und der ceutsch-französische Bürgerfonds aus dem Aachener Vertrag sei wirksam, aber deutlich unterfinanziert. Keymis: “Die 5 Millionen jährlich könnten doch beide Länder längst locker verdoppeln, oder Deutschland könnte dies alleine tun. Pasiert aber nicht . . “
Keymis schließt mit einem Appell an politische Führung: “Freundschaft allein schützt nicht! Es braucht dazu Führung!” Entscheidend seien konkrete Entscheidungen, Ressourcen und gemeinsamer Gestaltungswille. Die Verantwortung Deutschlands und Frankreichs bemesse sich nicht an ihrer Geschichte, sondern an ihrer Bereitschaft, Europa heute aktiv zu führen. (Text: Stefan Endell).



