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Am Dschungel von Calais – ein Schutzschirm der Menschlichkeit

Im Winter noch elementar wichtiger als im Sommer: Die Belieferung mit Holz durch die Hilfsorganisation „Auberge des migrants“ in Calais. Für ein regelmäßiges Feuer, mit dessen Hilfe die Flüchtlinge rund um den aufgelösten „Dschungel“ sich wärmen können und sich Essen aufwärmen können. ©Foto: Auberge des migrants – Calais.

Von STEFAN ENDELL 

(Duisburg). Im Süden von Frankreich – an der Grenze zu Italien – werden sie daran gehindert, Frankreich zu betreten. Im Norden des Landes – an der Küste von Calais – werden sie daran gehindert, Frankreich zu verlassen. Die Rede ist von Armuts- und von Kriegs-Flüchtlingen in diesen Wochen und Monaten,  die nach Frankreich drängen. Und die im berüchtigten „Dschungel von Calais“ landen, den es seit 2016 ja offiziell gar nicht mehr gibt.  Auf Einladung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg und des Neuen Evangelischen Forums Moers waren am vergangenen Dienstag, 22. November 2022, François und Maya Guennoc in die Erlöserkirche von Duisburg-Rheinhausen gekommen, um dort vor einem interessierten Publikum über ihre ehrenamtlich arbeitende Hilfsorganisation „Auberge des Migrants“ zu berichten, die seit 2008 vor Ort an der nordfranzösischen Küste humanitäre Hilfe leistet. 

Auch mit dem dritten und letzten Teil ihrer Info-Vortragsreihe „Calais“ wollte die DFG Duisburg , dieses Mal mit Hilfe von authentischen Akteuren vor Ort, aufklären, einordnen, dabei behilflich sein zu verstehen, was da eigentlich geschieht rund um das provisorische Flüchtlingslager, das alle Welt den „Dschungel von Calais“ nennt. 

Und zunächst mit simplen Zahlen, Fakten, Hintergründe gaben François und Maya Nachhilfe im Verstehen der Lage: Die Flüchtlinge, so sagen sie, fliehen fast immer vor Krieg, Hunger, persönlicher Verfolgung oder auch vor klimatischen Extremlagen wie Dürre und Wassermangel in ihren Ländern. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, aus dem Sudan, aus Afghanistan, Eritrea, Bangladesch, Pakistan. . . .

Aber Europa, so François, nimmt sie nicht auf, ihr Asylantrag werde entweder nicht angenommen oder sofort abgelehnt, oder sie können gar keinen Asylantrag stellen. Großbritannien scheint wegen der Welt-Sprache „Englisch“, der geringeren Kontrollen und der vielen unbesetzten Jobs sehr attraktiv. Obwohl sehr teuer und sehr gefährlich, erscheint ihnen trotzdem die Überfahrt über den Ärmelkanal in einem wackligen Boot als die letzte echte Chance auf ein besseres Leben auf dieser Welt.  

28.000 Flüchtlingen ist im vergangenen Jahr 2021 diese Überfahrt gelungen und schon jetzt in 2022 waren es 44.000 Flüchtlinge, die heile rübergekommen sind. Und 80% von ihnen dürfen dann in Großbritannien bleiben. Brexit hin oder her! Also – nichts wie hin! ? Die Mehrzahl der Flüchtlinge wolle eigentlich gar nicht nach England – doch am Ende einer Monate langen Flucht durch die Welt bleibe dies als allerletzte Lösung übrig.  

Foto: (von links) Waltraud Schleser, Vorsitzende der DFG Duisburg, Maya Guennoc, François Guennoc. ©Foto: DFG Duisburg.

Doch die Realität dann in Frankreich an der Küste ist hammerhart. Maya und François berichten: Das provisorische Camp – der Dschungel – ist seit 2016 aufgelöst und seitdem ist der französische Staat intensiv bemüht, keinerlei Ansiedlungen mehr zuzulassen. Was dort in Calais an der Küste geschehe, so François, sei ein bitterer Kleinkrieg „Frankreich gegen die Flüchtlinge“ und auch gegen die Menschen und Hilfsorganisationen, die aus humanitären Gründen helfen wollen.

Ständig würden Schlafplätze „evakuiert“, zerstört, Zelte und Schlafsäcke einfach weggenommen. Bäume würden gefällt, damit sie kein Versteck oder Unterschlupf sind, Strandflächen würden unter Wasser gesetzt, Wiesen- und Sandflächen mit Hunderten von massiven Felsbrocken belegt und blockiert, um menschliche Lager zu unterbinden. Ein Umstand, der im Winter noch härter wiegt.  François: „Hier ist ein kleiner Krieg im Gange, um Flüchtlinge zu entmutigen. Hier gibt’s kilometerlang Stacheldrahtzäune, Mauern und Überwachungsdrohnen.“ Calais: Aus der Stadt der geklöppelten Spitzen sei längst die Stadt der spitzen Stacheldrähte geworden.

Seine Hilfsorganisation „Auberge des Migrants“, gegründet in 2008, sei deshalb „wie ein Schirm, wie ein Schutzschirm der Menschlichkeit“. Zusammen mit sieben anderen Vereinen unter ihrem Dach helfen sie in allen Lebenslagen. Eine Million Euro können sie pro Jahr an Spenden auftreiben: Es gibt offenbar zahllose private Spender, aber auch Vereine spenden, ebenso wie Kirchen und Stiftungen.

Zwei Dinge gäbe es von ihnen, der „Auberge des Migrants“, für die Geflüchteten. Erstens: regelmäßige Holz-Lieferungen für alle, damit Feuer für Wärme und Essen gemacht werden kann. Das waren allein 300 Tonnen Holz, die im vergangenen Jahr geliefert wurden. Für rund 1000 Flüchtlinge, die weiterhin an der Küste umherirren. Und zweitens: Es gibt moralische Unterstützung. Eine Überwachung, auf dass die Polizei niemanden schikaniere, dass Menschenrechte tatsächlich respektiert würden, dass Respekt gegenüber Grundrechten bestehe. Sie sind Kontrolleure für die vom Staat gesetzten Spielregeln. Kein Wunder, dass sie den Offiziellen von Staat und Stadt gehörig auf die Nerven gehen. Die Bürgermeisterin von Calais würde sie total verachten. Denn sie würden ja das Ansehen von Calais beschmutzen.

François und Maya sehen es eher andersherum. Die Stadtverwaltung von Calais, die ja zunächst einmal gar nichts für den Flüchtlings-Ansturm kann, beschmutze das Ansehen der Stadt durch demonstrative Unmenschlichkeit. 70% der Menschen der Region, so zitieren François und Maya eine aktuelle Umfrage von Amnesty International, empfänden Mitleid mit den Flüchtlingen und Sympathie mit Organisationen wie „Auberge des Migrants“. Aber in den Medien käme dann eigentlich immer nur die Minderheit der heftigen Verweigerer zu Wort, die zornigen Bürger von Calais, mit zum Teil rassistischen oder gewalttätigen Slogans.

Und dann noch die unmenschliche Unterscheidung von „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen durch die Stadt Calais: Die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine würden von der Bürgermeisterin opulent zum feinen Begrüßungs-Mittagessen ins Restaurant geladen und danach in die hochmoderne Jugendherberge geleitet, wo sie eine sichere Unterkunft fänden – den anderen Flüchtlingen stehle man die Zelte und behindere ihr menschlichen Bedürfnisse.

Fazit: Ein lehrreicher, eindrucksvoller Abend in der Erlöserkirche Rheinhausen. Gratulation an Waltraud Schleser, der Vorsitzenden der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg, die alle Redebeiträge perfekt in beide Richtungen der Sprachen hin- und herübersetzt hat – denn die Gäste aus Calais sprachen ausschließlich Französisch. Eine Sammelbüchse zugunsten des Hilfs-Vereines füllte sich nach der Veranstaltung blitzschnell mit vielen Geldscheinen.
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Die Dokumentation Le „LIVE“ de la Jungle ist beim Verein https://www.laubergedesmigrants.fr/fr/
oder in der Buchhandlung Donat in Duisburg für 26 € erhältlich.
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09. November 2022|Top Nachrichten|

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2022-11-26T20:12:50+01:00

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