Sonder-Newsletter 

Tour de France touristique 5

 

von Werner Schleser

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Mit der 18. Etappe von Briançon hinauf zum 2360 m hohen Col d'Izoard enden am 20. Juli die schweren Bergetappen für die Fahrer der Tour de France. Von Embrun geht es hinab in den sonnigen Süden Frankreichs: nach Salon-de-Provence und Marseille (19./20. Etappe). Das große Finale findet dann am Sonntag, dem 23. Juli 2017 in Paris statt.

Tour-Verlauf und geografische Lage der Orte zeigt die offizielle Streckenkarte unter nachstehendem Link: http://www.letour.fr/le-tour/2017/de/allgemeine-strecke.html

-         Briançon

-         Embrun

-         Salon-de-Provence

-         Marseille

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Briançon, Notre-Dame-et-Saint-Nicolas

Briançon

Die Gemeinde Briançon liegt ganz im Nordosten des Départements Hautes-Alpes am Oberlauf der Durance. Bis zur italienischen Grenze sind es weniger als 15 km. Mit großem Erfolg setzt man seit Jahrzehnten auf die Förderung des Tourismus und hat eine ausgezeichnete Infrastruktur geschaffen. Dadurch ist auch die Bevölkerungszahl kontinuierlich gestiegen: von 7.500 im Jahr 1960 auf heute 12.400 Einwohner. Zugpferde sind die historische Oberstadt mit der Festung von Vauban und die nahe gelegenen, beliebten Ski-Gebiete.

Mit der Befestigung Briançons haben bereits die Römer und Kelten begonnen. Die stattliche Festung des Mittelalters fiel im Jahr 1692 einem Feuer weitgehend zum Opfer. Wegen der strategisch wichtigen Lage unweit der Grenze zu Italien beauftragte Louis XIV. seinen Militärarchitekten Vauban mit dem Wiederaufbau, der in den Jahren 1709 bis 1734 erfolgte. Vauban modernisierte das gewaltige Bauwerk entsprechend seiner bewährten architektonischen Konzeption. 1815 hielt die Festung einem Ansturm von österreichisch-sardinischen Truppen stand. Im Jahr 2008 erfolgte die Aufnahme der Festung Briançon in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO zusammen mit 11 anderen Festungsstandorten (siehe auch Sonder-Newsletter 1, Longwy).

Dank seiner Lage am Kreuzungspunkt von fünf Tälern ist Briançon ein idealer Ausgangspunkt zu den umliegenden Ski-Stationen im Winter und für Sport- und Freizeitbeschäftigungen in den Bergen im Sommer. Als schneller Zugang zum Gipfel Prorel dient eine im Jahr 1990 gebaute Seilbahn, die mitten aus dem Stadtzentrum von Briançon zu einer Bergstation in 2.355 m Höhe führt. Die Seilbahn ist auch im Sommer in Betrieb. Ein Sessellift sowie ein Schlepplift bringen Ski-Fahrer von der Bergstation Prorel zu den berühmten Pisten des Gipfels Serre-Chevalier mit maximal 2.491 m Höhe. 

Briançon, Grande rue

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Embrun

Embrun, Tour Brune

Embrun wird wegen des milden, trockenen Klimas und den zahlreichen Sonnenstunden auch „Nizza der Alpen“ genannt. Die 50 km südlich von Briançon gelegene Gemeinde (6.200 Einwohner) hat sich ebenfalls voll dem Tourismus verschrieben. Zusätzlich zum Bergtourismus profitiert Embrun vom Lac de Serre-Ponçon. Mittels einer 124 m hohen und 630 m langen Staumauer wird aus der Durance ein Stausee mit 1,2 Milliarden Kubikmeter Fassungsvermögen. Das Wasserbauwerk verhindert seit seinem Bau in den 1960er Jahren die alljährlichen Hochwasser der Durance und dient als Wasserreservoir und zur Erzeugung von Elektrizität. Die Staumauer ist die größte Europas. Das dazu benötigte Wasserkraftwerk mit vier Turbinen hat eine Leistung von 380 Megawatt und ist vollständig in die Staumauer integriert. Mit einer erzeugten Strommenge von jährlich rund 720 Gigawattstunden deckt das Kraftwerk den Energiebedarf von fast 300.000 Menschen.

Das Kraftwerk kann ganzjährig besichtigt werden. In der „Maison de l’Eau et des Energies“ am Fuße der Staumauer an der D3 nahe Espinasses erhält man zunächst einen detaillierten Einblick in die Nutzung der Wasserkraft in Frankreich und die Geschichte des Stausees. Höhepunkt ist freilich die darauf folgende Besichtigung des Maschinenhauses im Innern der Staumauer.

Rund um den See hat sich eine touristische Infrastruktur etabliert, die alljährlich Tausende Urlauber anzieht. Mehrere Campingplätze erlauben einen preiswerten Aufenthalt. Von einfachem Baden bis zum Segeln sind vielfältige Aktivitäten am und im Wasser möglich.

Embrun, Lac de Serre-Ponçon

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Salon-de-Provence

Salon-de-Provence, Uhrenturm

 

Salon-de-Provence ist eine provenzalische Stadt mit 44.200 Einwohnern südlich der Gebirgszüge der Alpillen und des Luberon. Sie liegt am Rande der Crau, der letzten erhaltenen Steinsteppe an der Mittelmeerküste. Verwaltungstechnisch gehört Salon-de-Provence zum Département Bouches-du-Rhône in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Seinen wirtschaftlichen Aufschwung hat Salon-de-Provence maßgeblich der Olive zu verdanken. Einerseits durch Abfüllung und Handel von Olivenöl der Region. Zum anderen aber durch die Verarbeitung von Olivenöl zur Seife „Savon de Marseille“. Diese milde Seife war im Prinzip schon im frühen Mittelalter bekannt, bekam aber ihren Namen mit Herkunftsbezeichnung in der Zeit Ludwig des XIV. Ein Edikt des Königs legte im Jahr 1688 den Herstellprozess und die zugelassenen Rohmaterialien fest. Erlaubt war nur reines Olivenöl, andere Öle oder gar tierische Fette waren unter Androhung der Beschlagnahme des Produkts verboten. Auf der Basis des Edikts entstanden nun auch außerhalb Marseilles Seifenfabriken, vor allem im nur 50 km entfernten Salon-de-Provence. Die Fabriken in Marseille waren nämlich nicht mehr in der Lage, die ständig steigende Nachfrage nach der Seife zu befriedigen. Leider hat sich das Reinheitsgebot Ludwig des XIV. nicht halten können, und die Vergabe einer Appellation wurde verpasst. Deshalb kann heute überall auf der Welt Seife als „Savon de Marseille“ verkauft werden. Reines Olivenöl ist vielfach komplett durch billige Öle ersetzt worden. Auf den Märkten der Provence ist die „Savon de Marseille“ nach wie vor allgegenwärtig. Man sollte aber vor dem Kauf die Herkunft und Ausgangsstoffe ausdrücklich hinterfragen.

Zwei heute noch aktive Seifenfabriken in Salon-de-Provence halten die Tradition gegen den Trend aufrecht. Die im Jahr 1900 gegründete Fabrik von Marius Fabre betreibt zusätzlich ein kleines Museum über die Seifenherstellung.

Berühmtester Sohn der Stadt ist Nostradamus, latinisierte Form seines Namens Michel de Nostre-Dame, der von 1503 bis 1566 lebte. Seine Leistungen als Arzt und Astrologe sind umstritten. Seine jährlich erschienen Almanache mit der Prophezeiung drohender Ereignisse waren aber sehr beliebt. Sie waren so geschickt abgefasst, dass seine Apologeten immer wieder real eingetretene Ereignisse als Bestätigung von Nostradamus anführen konnten. Das Wohnhaus, in dem er seine letzten Lebensjahre verbracht hat, steht im historischen Zentrum von Salon-de-Provence und beherbergt das ihm gewidmete Museum. Nur 150 m entfernt liegt der Place Crousillat mit dem Uhrenturm und der Fontaine Moussue, dem moosbewachsenen Brunnen aus dem 18. Jahrhundert.

Nicht unerwähnt bleiben darf das Château de l‘Empéri, das mitten in der Altstadt auf einer Felsanhöhe liegt und mit dessen Bau im 12.Jahrhundert begonnen wurde. Es ist eine der größten erhaltenen Wehranlagen der Provence. Die Burg beheimatet heute ein militärgeschichtliches Museum mit einer umfangreichen Sammlung von Militäruniformen von der Zeit Ludwigs des XIV. bis zum Ersten Weltkrieg.

Salon-de-Provence, Fontaine Moussue

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Marseille

Marseille, Hôtel de Ville

 

Marseille ist mit 858.000 Einwohnern die zweitgrößte französische Stadt und größte Hafenstadt Frankreichs. Sowohl das Département Bouches-du-Rhône als auch die Region Provence-Alpes-Côte-d'Azur haben ihren Sitz in Marseille. Jahrzehntelang litt Marseille am industriellen Niedergang wie dem völligen Verlust der Werften, aber auch an den Folgen des französischen Kolonialismus mit der Zuwanderung aus den ehemaligen Kolonien. Erhöhte Kriminalität, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit führten zunehmend zu einem schlechten Image der Stadt. Im Jahr 1990 wurde deshalb das Projekt „Euroméditerranée“ gestartet, mit dem Ziel der Wirtschaftsförderung und der Stadtentwicklung. Einen großen Aufschwung, vor allem der städtebaulichen Maßnahmen, erfolgte nach der erfolgreichen Bewerbung Marseilles als Kulturhauptstadt 2013, und zwar unter dem Titel Marseille-Provence zusammen mit weiteren Städten und Kommunalverbänden wie Aix-en-Provence und Arles. Die gewaltige Summe von über 700 Millionen Euro ist investiert worden, rund 90 Millionen Euro steuerte die EU bei. Kritiker sprechen von zu rigorosen Baumaßnahmen und beklagen eine einseitige Ausrichtung auf den Tourismus. So ist das traditionelle Viertel Le Panier im ältesten Teil von Marseille auf den Hügeln nördlich des Vieux-Port größtenteils abgerissen bzw. umgebaut worden und droht zu einer reinen Touristenmeile zu werden. Das Jahr als europäische Kulturhauptstadt allerdings wird allein schon wegen der Besucherzahlen als Erfolg gewertet: statt der erhofften 5 Millionen sind fast 10 Millionen Menschen gekommen. Das zunächst ebenfalls umstrittene Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée - MuCEM) ist der Star unter den neugebauten Museen. Durch museale Einbeziehung des Fort Saint-Jean am Hafenmund ist eine Synthese von Moderne und ausgehendem Mittelalter gelungen. Die Festung ist mit dem Neubau durch einen langgezogenen Fußgängersteg verbunden. Ein Besuch des Museums mit seinen vielfältigen Angeboten sollte man beim Besuch Marseilles unbedingt einplanen.

Pastis, Bouillabaisse und OM

„Marseille, das ist Pastis, Bouillabaisse und OM“, lautet ein Slogan des Office du Tourisme de Marseille und nennt  drei untrennbar mit der Stadt verbundene Dinge. Lebensfreude und Zufriedenheit spricht aus einem Satz des Romanciers Gustave Flaubert aus dem Jahr 1858: „Je suis à Marseille, la mer est bleue, je me bourre de bouillabaisse“ (etwa: „Ich bin in Marseille, das Meer ist blau, ich stopfe die Bouillabaisse in mich hinein“). Damit sind wir beim Essen und Trinken angelangt. Der Pastis ist der klassische Aperitif Marseilles und darüber hinaus ganz Südfrankreichs. Der Anis-Schnaps mit 40 bis 45 Prozent Alkohol wird mit separat serviertem Eiswasser verdünnt und bildet dadurch eine milchig-weiße Emulsion. Das Mischungsverhältnis (und damit die Stärke) bestimmt jeder selbst. Der im Pastis enthaltene Extrakt der Kräuter- und Heilpflanze Anis hat eine verdauungsfördernde Wirkung und ist dadurch eine ausgezeichnete Vorbereitung des Magens auf das nachfolgende Essen. Die Bouillabaisse ist das traditionelle Fischgericht Marseilles, ursprünglich ein Gericht der Fischer, in dem der Fisch verwertet wurde, der auf dem Fischmarkt nicht verkauft werden konnte. Die Bouillabaisse wird als Fischsuppe gegessen oder auch getrennt nach Fond und Fisch. Dazu gereicht wird Weißbrot mit zerriebenem Knoblauch und meist auch Rouille, eine sämige Soße auf Kartoffelbasis mit Knoblauch und roten Pfefferschoten. Weil im Zuge des Massentourismus mehr und mehr Restaurants die traditionell verwendete Vielfalt an Mittelmeerfischen reduzierten, vereinbarten 17 renommierte Küchenchefs bereits im Jahr 1980 in Marseille eine „Charta der Bouillabaisse“ in der fünf Fischsorten als unabdingbare Grundlage festgelegt wurden: der Drachenkopf, der Meeraal, das Petermännchen, der Rotfeuerfisch und der Himmelsgucker. Zusätzlich, aber nicht anstelle der vorgenannten, sind weitere Fische wie beispielsweise die Dorade, der Merlan oder der Seeteufel zugelassen, keinesfalls aber Miesmuscheln. Ganz entscheidend für die Qualität des fertigen Produkts ist freilich, dass alle Fische fangfrisch in den Küchentopf kommen. Was kein Problem ist, denn wie eh und je findet am Quai de la Fraternité am Vieux-Port jeden Morgen von 8 bis 13 Uhr der traditionelle Fischmarkt statt.

Nach Pastis und Bouillabaisse noch ein Wort zur dritten „Spezialität“ Marseilles: OM. Gemeint ist der Fußballclub „L'Olympique de Marseille“, der 1899 gegründet wurde. Als einer der führenden Vereine der ersten französischen Liga zieht er immer noch die Massen an – trotz zahlreicher Skandale.

Marseille, MuCEM

 

Alle Fotos: Werner Schleser, 2017

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Hiermit endet unsere touristische Begleitung der Tour de France. Paris in wenigen Zeilen behandeln zu wollen, ist schlichtweg unmöglich. Aktuelle Bilder mit den Schlussrunden auf den Champs-Élysées zeigt die ARD am Sonntag, 23. Juli 2017 ab 16 Uhr.

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Amic'allemand

Ihre Waltraud Schleser

1. Vorsitzende der Deutsch-Französischen Gesellschaft Duisburg.  

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